Worte der Ermahnung über die Einsiedler

- von den Armenischen Vätern:

 

Es ist es nötig, Brüder, daß wir Eifer zeigen. Nehmen wir das Streben nach Heiligkeit in unsere Seelen, und werden wir ähnlich der zahlreichen Schar, die in Zurückgezogenheit von der Welt nach der Heimatstadt trachtet, die oben ist, und die frei ist vom Leid der Erdenbürger. Denn sie sind Genossen unserer Natur, welche die Schwachen kräftigt. Wolle nur, halte dich an den Glauben, hoffe, liebe und du kannst dieselbe Tugend erfahren. Denn die zeitlichen Leiden sind nicht zu vergleichen mit dem Leben, das diesen Anachoreten bereitet ist. 

Doch ich bin in großer Furcht wegen unserer Lauheit. Fast alle sehe ich hingegeben in die irdischen Besitztümer. Tritt uns nicht die Natur nun vorwurfsvoll entgegen? Nackt wurde ich erschaffen, nackt wurde ich ins Paradies versetzt, nackt kam ich aus demselben, nackt wurde ich geboren und nackt hinwieder kehre ich zur Erde zurück. Wenn wir nun nichts von hier mitnehmen können, wozu halten wir uns daran in dieser Welt. Mach’ dich los, schrecke zurück, o Einsiedler! werde nicht zur dicken Befestigung, die den neidischen Feind aufnimmt, sonst möchte er dir einen gefährlichen Hinterhalt legen, dich in dir selbst angreifen und dich ausplündern und um die himmlischen Schätze dich betrügen. Halte für genügend das Wort des Herrn: Keiner von den Erdenpilgern kann zwei Herren dienen, dies zeigt es dir offenbar. Es braucht keiner Vermittlung und keiner Erklärung. Ihr könnet nicht, so sagt es, mit Gott es halten und dem Mammon.

Nun sehe ich niemand in unserem Land von diesem Unheil frei. (...) Was wir ehren sollten, haben wir geringgeschätzt, und bei jenen, welche wir keine Gewalt hatten zu ehren, haben wir gar sehr die Leiden unserer Betrübnis gekostet. Wir sind befreit worden von den königlichen Abgaben, die man ohne Sünde zahlen kann, und haben uns gebeugt unter die Herrschaft der Besitztümer, die voll sind von törichtem Geize. Wir besteigen nicht das Bett einer heiligen Ehe, und bereiten uns einen hohen Sitz mehr als die Welt. Wir ergötzen uns auf wohlbereitem Lager und unsere herumflatternden Gedanken werden die ganze Nacht zu häßlichen Vorstellungen gerufen. 

Die Schuhe unserer Füße klagen uns an, weil unsere Wege nicht heilig sind. Unsere Kleider schreien über unsere Werke, weil wir entblößt sind vom himmlischen Gewand. Unsere Pferde offenbaren an uns, daß wir nicht hingerissen sind vor dem Angesicht Gottes über den Lüften. Die Bauten unserer Schlösser tun es kund, daß wir keinen Tempel haben im Himmel, der nicht von Händen gemacht ist, in den einzutreten berufen sind, alle Klassen derer, welche vor irdischem Leid sich fürchten. Die Besitzungen unserer Äcker werfen uns vor, daß wir unsern Anteil nicht haben am himmlischen Lose. 

Würdevergessen, unersättlich sind wir beim Essen, und ohne Maß trinken wir den Wein, der Gedanken und Geist verwirrt. Tiefem Schlaf überlassen wir uns alle, und der Traum dünkt uns Wahrheit. Das Auge unseres Geistes ist geschlossen für geistliche Gedanken und unersättlich gafft es hinein in das Treiben der Welt. Taub sind die Ohren für die heiligen Lesungen und gern horchen wir auf das Stimmgetön unserer Herden. Der Fremdling ist uns kein angenehmer Geruch im heiligen Geiste, weil wir liebgewonnen haben das Öl der weltlichen Leidenschaften. Der Gaumen unserer Seelen kostet nicht die himmlische Nahrung, weil wir fett geworden sind an mannigfaltigen Speisen. Die Farbe unseres Gesichtes ist dunkel, weil wir uns die Augen nicht ergötzen an heiligen Gedanken. Die Glieder unseres Leibes sind voll Schmerz, weil wir die Seele krank machen vor dem Leibe.

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Kommentare: 3
  • #1

    Clemens (Dienstag, 05 Dezember 2017 10:22)

    "unsere herumflatternden Gedanken werden die ganze Nacht zu häßlichen Vorstellungen gerufen" - schön formuliert. Allemfalls auf uns bezogen zu optimistisch, denn wozu werden sie tagsüber oft gerufen?

  • #2

    Jonas (Dienstag, 05 Dezember 2017 10:40)

    - unsere Gedanken flattern tagsüber um all die Dinge herum, die wir begehren oder ablehnen, die uns Genuss oder Schmerz bereiten. Sie rufen uns noch dazu heraus aus der göttlichen Gegenwart zu traumhaften Vorstellungen über Vergangenes und Zukünftiges, sodass wir wie Traummännlein (und Traumweiblein^^) durchs Leben gehen.

  • #3

    Jonas (Dienstag, 05 Dezember 2017 11:09)

    "Unsere Kleider schreien über unsere Werke, weil wir entblößt sind vom himmlischen Gewand." - wunderbar formuliert. Man könnte es so auffassen, dass wir durch die Inkarnation unser "himmlisches Gewand" abgelegt und uns neue Kleider in Form unserer drei Körper zugelegt haben. Diese sind Ausdruck unserer Werke, da sie durch sie ja geformt werden. Einem Hellsichtigen, der den psychonoetischen Körper mit seinen Elementalen wahrnehmen kann, offenbaren sie alles, "schreien" über die getanen Werke. Im Wort "schreien" klingt für mich die beängstigende Vorstellung mit, all die Elementale sehen zu müssen und das nicht ausblenden zu können.