Frieden

Simone war ein Mensch, kaum anders als alle anderen. Dieses "kaum" bezieht sich auf ihre Suche. Sie suchte den Frieden auf Erden. Viel befasste sie sich mit Philosophie und die meisten Religionen waren ihr nicht unbekannt. Doch wie sehr sie auch suchte, sie fand nicht. Auf einer ihrer Reisen hörte sie von einem erhabenen Meister, der, wie man sagte, den Frieden auf Erden fand. Sie ließ alles stehen und liegen, um ihn aufzusuchen.


Tief innen fühlte sie, dass es ihn wirklich gab, obwohl viele Gerüchte verbreitet wurden und manch einer Spaß daran hatte, seine Geschichten als tatsächliche Begebenheiten auszugeben. Mit einem großen Rucksack beladen machte sie sich auf den Weg. Ihre schönsten Kleider nahm sie mit, sie wollte den Meister auch äußerlich nicht enttäuschen. Ihr Weg war jedoch länger als sie vermutete, und ihr Proviant ging zuneige. So kam es, dass sie anfangen musste, ihr mitgenommenes Hab und Gut zu verkaufen, und nach einiger Zeit besaß sie nur noch, was sie glaubte zu benötigen.


Tief innen - verborgen lag es noch - fing sie an zu zweifeln. Da kam sie an einem verletzten, blutenden Tier vorbei und sie zerriss, nach einiger Überwindung, ihre schönen Kleider, um die Wunden des Tieres zu verbinden. Danach zog Simone weiter.


So und ähnlich verlief ihr weiterer Weg und immer mehr verfiel sie dem Zweifel: "Auf diese Art muss ich nun also mein letztes bisschen Frieden aufgeben, ich kann kaum noch glauben, dass es diesen Weisen wirklich gibt, habe ich ihn doch überall gesucht."


Ein paar Tage später hatte sie nichts mehr bei sich und wollte aufgeben. Sie befand sich gerade in einem dunklen Wald, es war spät, und sie sah in der Ferne ein Feuer. Sie beschloss, dort hinzugehen, die Nacht zu verbringen und dann heimzukehren. Angekommen ließ Simone sich erschöpft nieder und begrüßte einen jungen Mann, der am Feuer Tee kochte. Er hieß Anaes und war von anmutiger Gestalt. Simone fragte ihn, was sie zum letzten Male fragen wollte: "Ich suche einen, den man den erhabenen Meister nennt, er soll den Frieden auf Erden gefunden haben. Kennt ihr ihn? Verzweifelt suchte ich ihn überall, aber nirgendwo war er zu finden."


Lang in die Glut starrend saß Anaes da, bevor er aufstand um sich neben Simone niederzulassen. Keine seiner Bewegungen schien überflüssig zu sein und jede drückte Ruhe aus. Er antwortete ihr: "Warum sucht ihr diesen Mann so verzweifelt, hat er euch etwas zu geben, was ihr nicht auch so bekommen könntet?"


Hastig sprach Simone: "Lange habe ich studiert, gelesen, gedacht und gebetet, aber den Frieden auf Erden habe ich nicht gefunden."


Anaes nahm sich eine Tasse, füllte sie mit Tee, tat einen Löffel Zucker hinein, und schaute Simone, den Tee rührend, in die Augen. Fast ewig schien er den Tee zu rühren bis er den Löffel beiseite legte, ein Schluck Tee trank und dann anfing zu sprechen. "Ich verstehe euch zwar, aber ich sehe auch, dass ihr den Frieden auf falschem Wege suchtet. Den Frieden kann man nicht finden, man muss ihn schaffen. Mit jedem Tage entscheidet ihr selbst, ob ihr in Frieden oder Unfrieden lebt."
Simone sprach: "Wie kann ich denn den Frieden schaffen? Und wie schaffe ich den Unfrieden? Um das zu lernen suche ich den Meister!"


Anaes lächelte und sprach: "Es ist nicht zu erlernen, es ist eine wahre, tiefe und endgültige Entscheidung zu treffen. Wenn jemand zu euch kommt, in Hass, mit Lügen, mit Habgier, so reagiert ihr meist ebenfalls negativ. Doch niemals kann Schlechtes mit Schlechtem aufgehoben werden. Jesus sagte, dass, wenn einer einem auf die linke Wange schlüge, man ihm auch die rechte Wange hinhalten solle. Damit meinte er, dass auf ein Minus ein Plus folgen muss, um Frieden zu schaffen. Wenn einer zu euch kommt in Hass, so begegnet diesem mit Liebe, und so habt ihr dann Frieden geschaffen. Frieden ist die Ausgeglichenheit von Plus und Minus. Wenn nun einer zu euch kommt in Liebe, so dürft ihr ihm nicht mit Hass begegnen. Es ist ein Mysterium der Einheit, des Friedens, Plus niemals mit Minus sondern nur Minus mit Plus aufzuwiegen. Seid gut zu den Schlechten, lieb zu den Bösen, aber niemals schlecht zu den Guten und bös zu den Lieben. Aber der Frieden ist noch mehr. Das Mysterium des Friedens und der Einheit ist tief! Wenn ihr zwei verschiedene Blumen seht, nennt ihr oft die eine schön und die andere hässlich. Das ist ein Fehler. Ein großer Weiser sagte einmal: 'Das Sein ist das Sein.' Jede Blume ist schön, weil sie ist, wie sie ist. Wenn ihr alles im Universum schön findet, nur einen Wurm nicht, dann wird dieser Wurm verhindern, dass ihr in Frieden lebt. Doch in dem Satz des Weisen steckt noch mehr: Ihr, die Blumen und der Wurm seid. Das Sein ist eins, es gibt nur das Sein, kein anderes. Und weil ihr und der Wurm eins seid, ist Friede nur dann möglich, wenn ihr euch entsprechend verhaltet. Fragt auch niemals nach dem Sinn des Lebens, es gibt hierauf keine Antwort, außer: Das Sein ist das Sein. Ihr seid, weil ihr seid, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Dies mag vielleicht jetzt für euch noch unverständlich sein, doch einst werdet ihr die tiefe Wahrheit dieses Satzes verstehen. Gebt also eure Suche auf, ihr werdet die Antwort nie finden. Das Mysterium lässt sich nicht finden, nur schaffen."


Als Anaes so sprach, öffneten sich plötzlich Simones Augen und sie erkannte in ihm den Meister. Auch erkannte sie die Absurdität ihrer Suche, und weinend dankte sie Anaes für ihre Befreiung.

(Bruder Silvio)

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