Bei sich selber

Ein Chassid, der vom großen Verständnis und Mitgefühl des Rabbi Jakov ben Katz gehört hatte, kam zum Zaddik und klagte ihm sein Leid: "Die Leute sind ungerecht und wissen nicht um ihr Tun - ach was! Die ganze Welt ist aus den Fugen geraten! Was soll überhaupt Gescheites dabei herauskommen, wenn es so weiter geht. Das ist schmerzvoll und lähmt einen über alle Maßen!"

Auch allerlei anderes trug er ihm besorgt und gleichzeitig empört vor. Ruhig und aufmerksam vernahm der Rabbi die Worte des Mannes, sanft aber fest war seine Stimme: "Du musst bei dir selber schauen."

Enttäuscht ging der Mann von dannen. Kalt und unpersönlich schien ihm des Rabbis Anteilnahme, nicht weiterhelfend seine Antwort.

Bei einem anderen Gelehrten fand er aber das Gehör, das er sich erhofft hatte. Dieser schloss ihn in seine Arme, richtete an ihn warme Worte, gab ihm Recht, pflichtete ihm leidenschaftlich bei, geißelte die Verfehlungen der Leute, ihre Verantwortungslosigkeit und Unfähigkeit, sich und die Umstände zu ändern.

"Was für ein klarsichtiger und großherziger Mensch!", dachte der Chassid bei sich. Er fühlte sich angenommen und verstanden, in seiner Empörung bestätigt. Ab da war er öfters bei diesem Gelehrten zu Besuch.

Eine Weile hatte es dem Chassiden gut getan. Aber der - wie er dachte - gerechte Zorn, raubte ihm zunehmend die Kraft, und Machtlosigkeit mitsamt Ratlosigkeit breiteten sich weiter in ihm aus.

Da träumte er von einem der Altväter, der zu ihm sagte: "Wie weise und mitfühlend war doch des Rabbi Jakovs Rat. Es ist in der Tat nichts anderes in deiner Macht, als du bei dir selber schaust. Sein liebender Blick ist tief und unmittelbar, sein Herz ist weit. Er hat dir mit seiner Antwort einen Schlüssel in die Hand gegeben. Es liegt an dir, ihn zu benutzen. Denn nur mit seiner Hilfe findest du die Kraft und Weitsicht, etwas zu ändern. Der Andere, tja, der Andere macht aber gemeinsame Sache mit deiner empörten Selbstsucht, und du bleibst den äußeren Mächten weiter ausgeliefert."

(Ruth Finder)

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