Barmherzigkeit

Bei meiner Auseinandersetzung mit dem Begriff „Barmherzigkeit“ bin ich auf das folgende interessante Zitat gestoßen:


„Vom Standpunkt der Ewigkeit gilt: Die Hauptsache ist nicht, dass der Not auf jegliche Weise abgeholfen werde, sondern dass Barmherzigkeit geübt wird.“


(Kierkegaard, "Der Liebe Tun")

Das Wort „Barmherzigkeit“ kommt einer These zufolge aus dem Lateinischen und bedeutet so etwas wie „der ein Herz für die Armen hat“.


Einer anderen These zufolge leitet es sich vom althochdeutschen, altenglischen und altindischen ab und bedeutet Schoß, Busen, Unterhalt, Pflege, tragen, halten, erhalten, hegen, ernähren.


Allen gemeinsam ist, dass sie eine innere Haltung beschreiben, die den Anderen voller Liebe sieht und aus der wahrhaftiges Bemühen um das Wohlergehen des Anderen erwächst. Diese Haltung führt, im Gegensatz zur bloßen Abhilfe der Not, zu einer Veränderung des Wesentlichen. Und damit auch zu einem völlig anderen Tun.


Unter schlimmsten Bedingungen billig produzierte Kleidung, Vergeudung wertvoller Rohstoffe, Vernichtung von Lebensraum und Artenvielfalt, Massentierhaltung, Umweltverschmutzung, gnadenloses Wirtschaftswachstum... - mit tief empfundener Liebe zu unseren Mitmenschen und unserer Umwelt nicht vereinbar.


Deshalb tun wir gut daran, unsere Liebesfähigkeit immer mehr zu erweitern und Barmherzigkeit zu üben, anstatt allein an den Symptomen unseres Egoismus' herumzudoktern.

„Reinige unsere Herzen, damit wir Deine Liebe zu Dir und zu all unseren Mitmenschen widerspiegeln können.“

 

(Ruth Gabriel)

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Kommentare: 2
  • #1

    Maria (Donnerstag, 09 November 2017 21:48)

    Barmherzigkeit erscheint mir auch als ein sehr zentraler Begriff, den es zu erfassen und zu leben gilt. Der Begriff verweist darauf, dass wir als Sünder in unserer Sündhaftigkeit angenommen werden müssen – wir müssen unsere Sündhaftigkeit erkennen, uns selbst damit annehmen. Vermutlich ist das aber nur durch die vorausgehende Barmherzigkeit und Annahme anderer möglich, die diese göttliche Eigenschaft schon mehr in sich verwirklicht haben, sozusagen als Stellvertreter Gottes, und natürlich durch Gottes Barmherzigkeit selbst. So wie wir dies dann auch bei anderen leben müssen. Erkennt man seine Sündhaftigkeit und sein leidvolles, erbarmungswürdiges Dasein, ist das ein sehr wichtiger Schritt, ein anfängliches und größer werdendes Erkennen seiner Sünden – Sünden im Sinne von Verfehlungen, Verblendungen, Egoifizierung - was so als Wegarbeit anliegt. Und das entblättert sich ja immer mehr und feiner.
    Interessant ist bei dem Begriff Barmherzigkeit auch,
    - dass Barmherzigkeit im jüdischen auf Mutterschoß/ Gebärmutter hinweist (verweist vielleicht auf Gott als unseren Ursprung, und dass er uns die Möglichkeit der Bewusstwerdung durch den Abstieg in die materielle Existenz gibt – Geburt)
    - dass „Allerbarmer“ (Ar-Rahman, einer der Namen Allahs) zusammen mit Allbarmherziger (Ar-Rahim), der häufigste im Koran vorkommende Name Gottes ist. Beide Namen stammen von der gleichen Wortwurzel ab und beschreiben die immerwährende Liebe Gottes, die dem Menschen zuteilwerden kann, wenn er sie annimmt.
    Das macht die hohe Bedeutung von Barmherzigkeit deutlich, da sie eine grundlegende Eigenschaft Gottes ist, d.h. wenn wir Barmherzigkeit verwirklichen, entwickeln und spiegeln wir direkt das Göttliche in uns.

    Der Hinweis von R.G. bei Barmherzigkeit auf die immer katastrophaleren Auswirkungen von Konsum, Überbevölkerung und kapitalistischer Ausbeutung ist sehr interessant. Man könnte hier z.B. überlegen, was die sieben leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit der katholischen Kirche übertragen auf die heutige Situation bedeuten könnten.
    Die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit
    • Die Hungrigen speisen.
    • Den Dürstenden zu trinken geben.
    • Die Nackten bekleiden.
    • Die Fremden aufnehmen.
    • Die Kranken besuchen.
    • Die Gefangenen besuchen.
    Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit
    • Die Unwissenden lehren.
    • Den Zweifelnden recht raten.
    • Die Betrübten trösten.
    • Die Sünder zurechtweisen.
    • Die Lästigen geduldig ertragen.
    • Denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen.
    • Für die Lebenden und die Toten beten.

  • #2

    Jonas (Montag, 13 November 2017 09:43)

    Vielen Dank an Euch beide für die Ausarbeitung, mir war nicht bewusst, wie weitreichend und tiefgehend die Bedeutung der Barmherzigkeit für unseren Weg ist. Gestattet mir noch zwei kleine Ergänzungen dazu:

    Für alle Latein-affinen Kreisler (oder bin ich da etwa der Einzige? ^^), die das interessiert und die in die Wortbedeutung tiefer eintauchen/hineinspüren möchten:
    Barmherzigkeit = misericordia, setzt sich zusammen aus miser = elender, unglücklicher, armer Mensch, und cor = Herz, Gemüt, Seele - also der Herzens-/Gemüts-/Seelenzustand, den ich einem leidenden Menschen entgegenbringe.
    Das lateinische Wort cor für Herz könnte auf dem ägyptisches Wort für Liebe basieren, denn Daskalos schreibt im Buch "Symbol des Lebens" über den ägyptischen Adepten Kor Aton, dessen Name übersetzt heißt: der, den Gott liebt. Worauf ich hinaus will ist, dass der Begriff des Herzens auf die Liebe hinweist, die die Essenz der Barmherzigkeit ausmacht.

    Punkt 7 der leiblichen Werke der Barmherzigkeit wäre noch, die Toten zu bestatten. Den Punkt könnte man aber auch ohne weiteres unter den geistigen Werken einordnen, in dem Sinne, dass man sich von den eigenen Toten - lebensverneinende, von Gott wegführende Elementale - dauerhaft trennt.