Ausrichtung

Jakov ben Katz war noch ein junger Bursche, als er an einem Wintertag mit einem Nachbarsjungen auf dem Weg zur Schul war. Eben hatte es kräftig geschneit und nur noch eine breite Wiese mit frischem, unberührtem Neuschnee trennte die Knaben von ihrem Ziel. Da sagte Jakov zu dem Nachbarsjungen: "Machen wir einen Wettbewerb, wer von uns in einer geraderen Linie über die Wiese zur Schul gehen kann."


"Ach, das ist doch kinderleicht. Warte, ich gehe zuerst." So tönte der andere und begann, mit konzentriert nach unten gerichtetem Blick einen Fuß vor den anderen zu setzen. Als er auf der anderen Seite vor der Schul angekommen war, spähte er über die Wiese zurück zu dem jungen Jakov. Die Fußspur zwischen ihnen war eine ungleichmäßige Schlangenlinie.


Jakov ben Katz heftete nun seinen Blick fest auf das Schulgebäude. Dann ging er zügig los und erreichte schnell seinen Kameraden. Der schaute ihn ungläubig an, und als er selbst zurücksah, verlief seine Spur schnurgerade neben der Schlangenlinie des Nachbarsjungen.

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Kommentare: 7
  • #1

    Maria (Samstag, 04 November 2017 16:16)

    Schöne Geschichte. Macht deutlich, wie wichtig Ausrichtung und die richtige Geschwindigkeit sind. Da spart man sich einiges an Weg, Zeit und Mühe, auch wenn man vielleicht mal ab und zu stolpert, wenn man Unebenheiten im Boden übersieht.

  • #2

    Clemens (Samstag, 04 November 2017 20:19)

    Du hast den Schwachpunkt der Geschichte insofern erkannt, dass man sie nicht verallgemeinern kann. Auf einem Gletscher mit möglicherweise zugeschneiten Spalten kann man nicht so vorgehen wie der junge Jakov... Und er würde es hoffentlich auch nicht getan haben.

    Im Bild dieses Geschichtchens ist eben leider aufzulösen, dass Weg-Arbeit sich natürlich im Wesentlichen mit dem augenblicklichen Tun, Zustand, Ort - also dem augenblicklichen Schritt - beschäftigen, und eben nicht die Aufmerksamkeit davon ablenken lassen sollte. Da ich aber dies und die Sache mit der Ausrichtung nicht in eine kurze, lineare Geschichte bringen konnte, müssen wir wohl davon ausgehen, dass, weil Jakov das Terrain kannte, er mit seiner Geschicktheit der Mittel dem Nachbarsjungen eine Lehre eben über Ausrichtung vermitteln wollte. Und nicht über konkrete Weg-Arbeit.

    Vielleicht fällt ja jemandem eine ebenso kurze Geschichte ein, die diese andere Seite darstellt. Ich stehe da jedenfalls seit einer Weile auf dem Schlauch. Eine Doppelgeschichte wäre jedenfalls sehr elegant und würde die dual/polare Problematik in den Trennungswelten schön herausarbeiten.

  • #3

    TvB (Sonntag, 05 November 2017 07:38)

    Du meinst am Anfng des zweiten Absatzes Deines Kommentars sicher "ist eben leider NICHT aufzulösen".
    Das (wie Ihr es so schön nennt) Tanzen der Meister kann man auf zweierlei Weise verstehen:
    - in jedem Moment die richtige Gewichtung zwischen Ausrichtung und Gegenwartskonzentration finden
    oder:
    -BEIDE Perspektiven gleichzeitig halten können

    Auf eine zweite Geschichte bin ich gespannt.

  • #4

    Clemens (Sonntag, 05 November 2017 12:26)

    Ja, da ist mir ein Wort entglitten! Danke.

    Das mit den zweierlei Weisen kann man aber, wie ich sehe, auch auf verschiedene Weisen verstehen... Welcher Weise der von Dir genannten Möglichkeiten gibst Du denn den Vorzug? Oder sind das gleichwertige Winkelabweichungen?

  • #5

    Ruth Finder (Sonntag, 05 November 2017 12:55)

    Zu dem ersten Teil des "Zweierlei":

    Einige Schüler fragten Rabbi Israel von Rizin: "Sagt uns doch lieber Rabbi, wie sollen wir Gott dienen?" Er verwunderte sich und antwortete: "Weiß ich es denn" Aber sogleich fuhr er fort zu sprechen und erzählte:
    "Es waren einst zwei Freunde, die wurden eines gemeinsamen Vergehens vor dem König angeklagt. Da er sie aber liebte, wollte er ihnen eine Gnade erweisen. Lossprechen konnte er sie nicht, denn auch das königliche Wort besteht nicht gegen die Satzung des Rechts. So sprach er das Urteil, es solle über einem tiefen Abgrund ein Seil gezogen werden, und die zwei Schuldigen sollten es, einer nach dem andern, beschreiten; wer das jenseitige Ufer erreiche, dem sei das Leben geschenkt.
    Es geschah so, und der eine der Freunde kam ungefährdet hinüber. Der andre stand noch am selben Fleck und schrie: 'Lieber, sag mir doch, wie hast du es angestellt, um die fürchterliche Tiefe zu überqueren?'
    'Ich weiß nichts', rief jener zurück, 'als dieses eine: wenn es mich nach der einen Seite riss, neigte ich mich auf die andre.'"

    (Bubi)

    Ansonsten könnte die Geschichte so weiter gehen:

    Die Jungs wussten nicht, dass der Gemeinderabbi das ganze Geschehen beobachtet hatte. Als die beiden in die Schul eintraten, kam er auf den enttäuschten Verlierer zu, legte seine Hand auf den gesenkten Kopf des Jungen und sagte: "Kopf hoch! Du hast dich bemüht, nur - das Ziel hast du aus den Augen verloren. Du solltest aber ab und zu deinen Blick nach vorne richten, dann wäre auch dein Weg gerader verlaufen. Dass es beides auch gleichzeitig geht, wirst du wohl verstehen."

  • #6

    Ruth Gabriel (Sonntag, 05 November 2017)

    Dazu fällt mir die Arte-Doku ein, in der eine Seiltänzerin davon sprach, dass es vielleicht keine Balance als dauerhaften Zustand gibt, sondern nur neue Erfordernisse in der Bewegung. Jede Bewegung erfordert eine andere neue Bewegung, um nicht vom Seil zu stürzen. Und diese neuen Bewegungen sind unmittelbar und nicht vorhersehbar.
    Vielleicht könnte man sagen, dass beide von TvB genannten Möglichkeiten eigentlich im Grunde nur eine ist?

  • #7

    TvB (Montag, 06 November 2017 07:38)

    Clemens, wie Du sagst, es sind gleichwertige Winkelabweichungen. Betonen also unterschiedliche Betrachtungsweisen nur eines Sachverhalts. Trotzdem habe ich eine Vorliebe, die aus der größeren Schlichtheit resultiert. Punkt zwei. Leider geht Schlichtheit zumindest mit intellektuellem Informationsverlust einher. Man könnte also meinen, Punkt zwei würde von einem statischen Verhältnis ausgehen. Punkt eins muss also dazukommen.