Ich, ich, ich

Die Chassidim und ihr Weg waren unter den Jehudim im Lande keineswegs unangefochten. So waren sie den aufklärerischen Maskilim viel zu rückständig, und den Mitnagdim mit ihrer talmudischen Strenge waren sie wegen ihrer Leichtigkeit so verdächtig, dass sie sie aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen sehen wollten.


Aber auch im Inneren wuchs ihnen ein Feind in Form zunehmender formaler Erstarrung und in Form von Streitereien um einzelne Aspekte, bei denen mehr und mehr das Gesamtbild aus dem Auge geriet. Ein scharfzüngiger Gegner von Rabbi Jakov ben Katz war der Aharon von Czernowitz, der seine Schüler und Anhänger besonders nah an sich band, eine strenge Trennung von Männern und Frauen befürwortete und sich selbst als einen der Großen darstellte und darstellen ließ.


Rabbi Jakov wies seine eigenen Schüler immer wieder darauf hin, dass es auch unter den Anhängern des Czernowitzers hingebungsvolle Männer gebe, die zu großen spirituellen Leistungen fähig seien - unabhängig von den für die Schargoroder offensichtlichen Schwächen. Die gelegentlich an Jakov ben Katz herangetragenen Sticheleien des Rabbi Aharon nahm er gelassen. Er schaute gewöhnlich mehr auf die Gemeinsamkeiten und machte seine Haltung nicht sehr von Differenzen abhängig. Gleichzeitig fehlte es ihm aber nicht am Vermögen, eigene Standpunkte und ihre Richtigkeit recht deutlich herauszuarbeiten.


Zumindest dieser eine Gegner wurde dem Rabbi Jakov schließlich aber durch eine seltsame Begebenheit genommen, die atemlos von einem jungen Burschen in der Schul berichtet wurde, nachdem er mit seinem Vater von einer Lieferfahrt nach Czernowitz nach Hause zurückgekehrt war.


Ein Anhänger des Aharon von Chernowitz war von seinen Glaubensfreunden bei starkem Regen von einem anschwellenden Bach getrennt worden und war dann vor ihren Augen unter Anrufungen des Namens seines Rebben zu Fuß über das Wasser des Baches zu ihnen herübergelaufen. Als dies dem Aharon von Czernowitz berichtet wurde, gab der sich so, als sei dies kein solches Kunststück und liege mehr an ihm als an seinem Schüler. Für sich hatte er aber wohl vor allem gedacht, dass, wenn sein Schüler unter Anrufung seines Namens auf dem Wasser laufen könne, er selbst dieses Kunststück wohl erst recht zustandebringen würde.


Abends ging er hinunter zu einem tiefen Teich und wurde dabei nur von einem kleinen Jungen beobachtet. Er betrat einen Steg und ging bis zu seinem Rand. Dort begann er zu wiederholen: "Ich, ich, ich" und fuhr damit fort, während er seinen Fuß auf das Wasser setzte. Dabei fand er jedoch keinen Halt und fiel vornüber in die Fluten, wo er wie ein Stein versank. Der kleine Junge holte sofort Hilfe, aber Rabbi Aharon war schon ertrunken, als man ihn mit einer langen Holzstange aus dem Wasser zog.


Der beherrschenden Figur ihrer Glaubensrichtung beraubt - und enttäuscht von der offenkundigen Ermangelung von Wunderkräften ihres Rebben - zerstreute sich die Czernowitzer Gruppierung der Chassidim und hörte auf zu existieren.

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Dienstag, 31 Oktober 2017 16:18)

    "Hochmut kommt vor dem Fall" - wie passend! Die Hybris des Czernowitzer Rabbi ist ihm zum Verhängnis geworden. Auch sein Standesdünkel war sehr ausgeprägt. So weit, so sicher.

    Aber es ist erlaubt, die Frage nach der Rolle seiner Schüler in der Geschichte aufzuwerfen: Denn auch sie waren diesem Dünkel aufgesessen - haben sie doch anscheinend alles, was ihnen ihr Rabbi abverlangt, verordnet und erzählt hatte, akzeptiert.

    Hier möchte ich einen (zugegeben weiten) Bogen zu dem Blogbeitreg "Feuertod" von gestern schlagen: Dieser zeigt, dass die kritische Auseinandersetzung mit einer Lehre, einer Institution oder einem Lehrer - auch wenn sie einem übermächtig und unfehlbar erscheinen oder sich dafür halten - möglich ist, denn Wahrheitsfindung und Wahrheitsprechung soll an niemanden kraft seiner Autorität abgeben werden oder an ihm festgemacht werden. Eine extreme Situation war das. Hut ab!

    Nun haben wir hier und jetzt wirklich andere Umstände. Fragen, Infragestellen, Nachdenken, Ausprobieren sind erlaubt und willkommen.

    Vielleicht noch was:

    "Die Lehrer und besonders die Lehrerschüler sind immer eine Prüfung für die Schüler. Die Konstellationen können dabei unendlich vielfältig sein. Lehrende können im Bereich ihrer Kompetenz mehr oder weniger weit 'über' dem Schüler stehen. In der Regel stehen sie nicht allzu weit darüber. Sie stehen manchmal auch in anderen Bereichen tiefer. Klar sorgt besonders das für Verwirrung. Verwirrung ist aber dafür da, dass man sie entwirrt und dadurch in sich selber eine klare Struktur aufbaut."