Geschickter Weinberg

Obwohl die Chassidim in Schargorod ein hartes Leben mit vielen Mühen lebten, fanden sie doch auch Zeit zum Feiern. Dabei saßen sie einmal zusammen und sprachen nach dem Essen über die Fabel vom Fuchs, der in einen ummauerten Weinberg gelangen wollte, um dort die süßen Trauben verzehren zu können.


In der Geschichte fand sich nur ein so kleiner Spalt in der Mauer, dass der Fuchs drei Tage fasten musste, bevor er hineingelangen konnte. Drinnen schlug er sich dann mehrfach den Bauch voll und genoss das lustvolle Fressen. Als er aber schließlich hinaus wollte, passte er wieder nicht durch den Spalt und musste erneut lange hungern, bis er den Weinberg verlassen konnte. Draußen verfluchte er den ummauerten Garten, weil man nur genauso ausgehungert herauskönne, wie man hineingelange - er also letztlich zu nichts nütze sei.


Jakov ben Katz fragte seine Chassidim nach möglichen Deutungen der Fabel, blickte alle an und wartete gespannt...

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Kommentare: 7
  • #1

    Ruth Gabriel (Freitag, 27 Oktober 2017 20:09)

    Der kleine Schneur, ein sehr schmächtiger und schüchterner Junge, hustete leise bevor er anfing zu sprechen: „Rebbe, vielleicht kann die Geschichte so verstanden werden, dass wir so, wie wir in die Welt hineingehen sie auch wieder verlassen müssen. Wir können nichts mitnehmen, außer dem Geschmack der süßen Trauben. Diese entsprechen unseren Erfahrungen und dem, was wir auf unserem und durch unseren Weg gelernt haben. Der arme Fuchs. Er weiß davon noch nichts und ist deshalb voller Grimm.“

  • #2

    Clemens (Samstag, 28 Oktober 2017 11:54)

    Der alte Moishe nickte nach diesen Worten vor sich hin. Dann begann auch er zu reden: "Der Fuchs steht hier für das unentwickelte Höhere Selbst. Er muss drei Tage fasten, um durch den schmalen Spalt in dem Weinberg zu gelangen. Das heißt: Er muss sich über drei Ebenen (noetisch, psychisch, grobstofflich) energetisch herunterschrauben, um aus der göttlichen Gegenwart heraus in den Trennungswelten Fleisch zu werden. Dort folgt er zunächst gänzlich ungehemmt seinen animalischen Impulsen.

    Am Ende seiner Zeit im Weinberg, als der Fuchs wieder hinaus wollte - es also für das fleischgewordene Selbst ans Sterben ging - musste er wieder fasten. Er musste allen "Gewinn", den er aus dem zügellosen Leben in den Trennungswelten gezogen hatte, aufgrund ihrer weltbedingten Unbeständigkeit aufgeben, loslassen und beim Auszug aus dem Fleisch über den Rückzug aus den drei Ebenen sogar die Erinnerung an sie zurücklassen.

    Dem Fuchs scheint es dann außerhalb des Weinberges (der Trennungswelten) aus seiner Perspektive als sinnlos, überhaupt im Weinberg gewesen zu sein. Das Höhere Selbst hat allerdings den göttlichen Vertrag für seine angestrebte Verwandlung schon unterschrieben und wird wieder und wieder in den Weinberg hineinmüssen, bevor es ihm ein Dürfen wird.

    Und nach und nach wird das Höhere Selbst aus diesen Inkarnationen auch bleibende Gewinne mitnehmen, die freilich nicht über die animalische Ebene der Alltagspersönlichkeit als dauerhafte Genüsse angelegt sind, sondern in der Veränderung des Höheren Selbstes bestehen: Individuation, Bewusstwerdung als Höheres Selbst, Meisterung der Trennungswelten im Sinne einer zunehmenden Beherrschung ihrer Gesetze, zunehmende Freiheit."

    Dann brummelte Moishe noch ein wenig, nickte wieder und blickte versonnen auf die Tischplatte.

  • #3

    Ruth Finder (Sonntag, 29 Oktober 2017 12:08)

    Levi saß mit rotem Kopf in der Ecke. Das entging dem Rabbi nicht. Von ihm darauf angesprochen, sprudelte es nur so aus dem jungen Mann heraus:

    "Oh, dieser Fuchs! Als ob ich mir mich selbst angeschaut habe! Man hat doch alles, was man braucht, trotzdem schielt man immer auf etwas und begehrt es, und tut alles, um dieses auch zu kriegen. Da aber das Begehrte einem nicht zusteht, tut man das oft auf verstohlene Weise. Und bekommt man das Erwünschte, dann kriegt man nicht genug davon, und nimmt unentwegt ohne Sinn und Verstand. Und wird man in seiner Unbeständigkeit und Beschränktheit dessen überdrüssig, sucht man etwas anderes oder wieder das Alte, und lässt dafür alles fahren und schimpft undankbar auf das davor Willkommene und sieht keinen Nutzen mehr darin.

    Unbeständigkeit, Begierde, Unehrlichkeit, Maßlosigkeit, Undankbarkeit, Unbelehrbarkeit - Gott allmächtiger, bewahre!"

  • #4

    Ruth Finder (Sonntag, 29 Oktober 2017 12:26)

    Da seufzte Jaakob, der schon länger bei dem Rabbi in die Lehre ging, und sagte:

    "Der arme Fuchs! Durch Gnade und etwas eigenes Zutun hatte er was besonderes erlebt und wusste am Ende nichts damit anzufangen!

    Wie oft kehren wir mit dem neu Gewonnenen zu den alten, dafür zu eng gewordenen Bahnen zurück - dies geschieht aber nicht ohne dieses Neue arg zu beschneiden, es verblasst und es wird nicht angewandt - statt uns mit Hilfe dessen auf die Suche nach anderen, breiteren, dem neu gekosteten Zustand entsprechend würdigeren Wegen aufzumachen!"

  • #5

    Jonas (Sonntag, 29 Oktober 2017 14:30)

    Und irgendwann, nach unzählbaren Runden des Durchzwängens durch die Mauer, des lustvollen Fressens im Weingarten und des abgemagerten Verlassens desselben, erkennt der Fuchs, dass es ihm möglich ist, auch direkt über die Mauer zu springen und so jederzeit in den Weinberg hinein- und herauszuwechseln. Es geht ihm dann aber nicht mehr um die süßen Trauben, von denen er sich mittlerweile schon abgegessen hat. Es sind die anderen Füchse, die sich im Weingarten befinden, denen er helfen will und die er ermutigt, andere Wege zu gehen.

  • #6

    Ruth Finder (Sonntag, 29 Oktober 2017 18:53)

    Von dem "fruchtigen" Gesprächsthema nichts ahnend, brachte Perle eine Schüssel Trauben aus dem eigenen Garten in die Schul vorbei.

    Auf einmal herrschte ein betretenes Schweigen in der Runde und keiner der Schüler traute sich, von den saftigen Früchtchen zu kosten.

    Perle wandte sich dem Rabbi zu und fragte ihn misstrauisch: "Jakov, du alter Fuchs! Was hast du denn hier wieder alles erzählt?"

    Kurze Pause und dann... ging das erlösende Gelächter los und das freudvolle Naschen begann.

  • #7

    Simon (Sonntag, 29 Oktober 2017 22:12)

    Nach endlosem Hin und Her, hielt der Fuchs inne -verdrehte die Augen und Lachte in sich hinein. Denn er wusste nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen, bin ich jetzt der Fuchs oder der Weinberg.