Was fehlt

Jakov ben Katz kam nicht aus einer wohlhabenden Familie, und da sein Vater schon früh in seinem Leben gestorben war, hatte er auch Not und harte Arbeit kennengelernt. Trotzdem hatte er zeitig und entschlossen die Lehren der Chassidim aufgenommen und so gut er es konnte, für sich umgesetzt. In den Kreisen, in denen er sich bewegte, wurde neben den chassidischen Lehren auch der Wunsch hochgehalten, einmal im Leben ins heilige Land zu reisen und Jeruschalajim und den Tempelberg mit eigenen Augen zu sehen, die gesegnete Luft zu atmen und die Füße auf heiligen Boden zu setzen. Auch Jakov ben Katz hegte diesen Wunsch und bereitete sich im Geiste auf diese Pilgerfahrt vor.


Mit seinem Studienkollegen Nachum saß er bei vielen Gelegenheiten zusammen und malte sich mit ihm die Reise und das Ziel aus. Da Nachum aus wohlhabenderen Verhältnissen kam, konnte er sich auch durch die Beschaffung ihm für die Reise unentbehrlicher Utensilien vorbereiten. Immer wieder fiel ihm ein, was noch für ein erfolgreiches Unternehmen zu besorgen sei. Jakov ben Katz hingegen hielt seine Schuhe in Ordnung, sparte sich etwas Geld vom Munde ab, informierte sich über die Reiseroute und besorgte sich Adressen, die er auf dem Wege um mögliche Unterstützung aufsuchen könnte. Mehr war für ihn nicht möglich. Und zuletzt begann er, seinen Kollegen und recht gut gerüsteten Begleiter Nachum zu drängen, doch dem fehlte immer noch etwas, das er vorher besorgen, bestellen oder anfertigen lassen musste. So machte sich Jakov ben Katz schließlich, nachdem er Nachum noch ein letztes Mal zum gemeinsamen Aufbruch zu bewegen versucht hatte, alleine auf den Weg.


Seine Reise dauerte lange. Immer wieder musste er sich unterwegs verdingen, um Geld und Brot zu verdienen. Weite Strecken ging er zu Fuß. Er hungerte und er durstete auch, aber er verlor seine Hoffnung und sein Ziel nicht aus den Augen und erreichte zuletzt Jeruschalajim, wo er beinahe ein Jahr lang blieb, bevor er sich - das Herz voll mit Eindrücken für ein ganzes Leben - auf den ebenso beschwerlichen wie freudigen Rückweg machte.


Als er nach mehr als zwei Jahren wieder nach Schargorod zurückkehrte, hatte er viel zu berichten, viele Erfahrungen und Begebenheiten zu teilen, und in der Schul erzählte er auch seinem immer noch in Schargorod verbliebenen Studienkollegen Nachum von seiner Reise.


Der schlug, nach dem begeistert vorgetragenen Bericht von Jakov ben Katz sichtlich peinlich berührt, die Augen nieder. Dann sagte er: "Dank deiner Erzählung weiß ich jetzt, was mir für eine sichere Reise noch fehlt."


Jakov ben Katz nickte: "Ich weiß auch, was Dir noch fehlt."

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Kommentare: 2
  • #1

    Simon (Donnerstag, 26 Oktober 2017 10:23)

    Bei jedem Weg, der noch nicht gegangen aber beschlossen worden ist, ist das Ziel und der Weg dorthin ein Risiko, und der Punkt an dem wir uns gerade befinden, scheint uns sicher und behaglich.

    John G. Bennett schreibt :
    "Das Risikogesetz besagt, dass jeder Prozess mit einem bestimmten Ziel notwendigerweise durch die Reaktion, die er hervorruft, von seiner Richtung abgelenkt wird. Werden diese Abweichungen nicht kompensiert, wird der Prozess entweder zum Stillstand kommen oder seine Richtung so vollständig ändern, dass er sich in in sein Gegenteil verkehrt. Das Gesetz besagt auch, wodurch Kompensation möglich ist; grundsätzlich durch das Zusammenwirken mit Prozessen unabhängigen Ursprungs."

    Ein möglicher Vergleich wäre Ausrichtung und Einrichtung. AP und HS.

    Die AP richtet sich ein, lehnt Risiken ab. Ein kausaler Determinismus wäre wohl der beste Freund der AP. Da es keinen kausalen Determinismus gibt, bewegt sich die AP gaaaanz langsam, sie ist ständig darauf bedacht, eine Vorhersehbarkeit zu simulieren in der sie sich sicher fühlen kann. Nachum, wird ein Lied davon singen können.

    Jakov ben Katz, hat Vertrauen, Hingabe, Mut, Glaube, Aspekte die über das HS in die AP gespeist werden und ihm erlauben sein Ziel zu erreichen. Der Zugang zum HS kreiert das Zusammenwirken von Prozessen unabhängigen Ursprungs. Also durch Ausrichtung einer Stagnation und Einrichtung entgegenzuwirken. Sich im bestem Fall vollständig ins Nichts zu drehen und keine Angst mehr vor Ungewissheit und Risiken zu haben.

  • #2

    Jonas (Donnerstag, 26 Oktober 2017 19:06)

    Beeindruckende Ausarbeitung, Simon - danke. Da hat sich mir gerade ein großer Raum aufgetan.