Bennett VI

„Angst und der Umgang mit ihr ist wohl das sicherste Erkennungsmerkmal für unseren wahren Zustand. Ich war schon immer von tiefer Angst verfolgt gewesen, weil ich nicht in meinem wahren Selbst lebte. Ich glaube, dass fast alle Menschen von dieser Angst beherrscht sind, wenn sie ihrem Wachbewusstsein auch meist verborgen bleibt. Wir leben in Angst, weil wir nicht wirklich leben, und die schrecklichste Vorstellung ist die, dass diese Unlebendigkeit vor uns selbst und anderen entblößt wird. „Aber er hat ja keine Kleider an“, das sind die Worte eines unschuldigen Kindes, die der Kaiser in uns am meisten fürchtet – und dieses Kind lebt auch in uns selbst.“ (S. 450)

„...ich selbst war noch so unreif, nach wie vor der Sklave meines Eigenwillens. Ich konnte zwar aufrichtig sagen: “Dein Wille geschehe“, aber ich konnte nicht mit der gleichen Überzeugung sagen: „Mein Wille werde im Willen Gottes vernichtet.“ Mir war durchaus bewusst, wie weit es vom Annehmen des Göttlichen Willens noch bis zur Aufgabe des eigenen ist.“ (S. 414)

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Kommentare: 3
  • #1

    Maria (Freitag, 20 Oktober 2017 20:13)

    Dieses Zitat verstehe ich so, dass es um das Aufgeben des Ego-Eigenwillens geht, nicht um die Willenskraft des Menschen überhaupt. Letztere ist ja ein wichtiges Mittel und Ziel der Wegarbeit. Wo sie nicht da ist, muss an der Willenskraft gearbeitet werden. Die Willenskraft steht bei der Wegarbeit lange unter dem Zepter des AP, ist zersplittert und wird unbewusst be-/ genutzt. Immer wieder ist es wichtig zu erforschen, wofür wir unseren Willen und Kraft einsetzen. Konzentration ist das Mittel, um diese Kraft zu bündeln, durch Ausrichtung lenken wir sie gezielt auf die gewünschten Ziele. Beides müssen wir kontinuierlich lernen.
    „Dein Wille geschehe“ kann man so wie das Herz-Jesu-Gebet als Mantra nutzen, um aus der Zersplitterung in die Vereinigung zu kommen. Mit sich, mit dem Göttlichen - die Vorstellung der Trennung zwischen beiden löst sich nach und nach in Erkennen und Erfahren auf.
    „Dein Wille geschehe“ verstehe ich nicht als passiven Wunsch an Gott, es für mich zu richten oder mich konsumierend zurückzulehnen.
    „Dein Wille geschehe“, das verstehe ich zurzeit folgendermaßen (auch wenn es etwas schwierig ist, die richtigen Worte dafür zu finden, da es um ein hin-spüren und wahrnehmen geht):
    - auf Gott, seine Allmacht, Liebe und Güte vertrauen, sie zu erspüren
    - sich in seine Hände geben und die Dinge anzunehmen, wie sie kommen
    - nicht mit seinem Ego gegen den göttlichen Willen zu arbeiten, z.B. unheilsame
    Dinge leben und pflegen (auch wenn die göttliche Freiheit das ermöglicht)
    - sich der Verbindung bewusst zu werden, sie bewusst zu erneuern

  • #2

    Jonas (Montag, 23 Oktober 2017 09:10)

    Zum ersten Bennett Spruch: Viele Menschen haben von sich ein völlig falsches, verbrämtes Bild, indem sie sich als gut, edel, freundlich, ja fast schon perfekt sehen. Die eigene, dunkle Seite (the dark side) wird vollkommen ausgeblendet und damit einer Modifikation/schrittweisen Veränderung unzugänglich gemacht. Unsere hellen, prächtigen Kleider, in denen wir uns so gerne selbst sehen, gibt es so gar nicht, sie existieren bloß in unserer Fantasie. Für Außenstehende, die uns von einer unvoreingenommenen Warte aus betrachten (symbolisiert im Kind), ist das ohne große Schwierigkeiten erkennbar. Der Kaiser ist in Wahrheit nackt, auch wenn er es selbst bislang nicht gesehen hat. Das zu erkennen ist bitter, aber im Sinne einer Veränderung notwendig.
    Wenn wir den Mut aufbringen, und den Deckel zu unserer persönlichen Schlangengrube, die ein Teil von uns ist, wegheben und hineinblicken, haben wir schon einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. Es ist zwar zutiefst beängstigend, was wir darin erkennen können, aber wir müssen die Grube ja nicht sofort ausheben. Es genügt, anlassbezogen immer wieder hineinzuleuchten (Introspektion/Verstand), die jeweils erkannte Schlange herauszuholen, sie zu betrachten und sich dann von ihr zu trennen. Nur so kommen wir dann wirklich zu unserem leuchtenden, reinen Gewand.

    Noch kurz zur Symbolik, die Bennett anspricht: Das Kind, das in uns selbst lebt, entspricht unserem höheren Selbst, der Kaiser ist das Bild für unsere Alltagspersönlichkeit mit ihrem Egoismus. Märchen greifen oft diese Beziehung auf, in den unterschiedlichsten Bildern.

  • #3

    Clemens (Montag, 23 Oktober 2017 12:27)

    Beim zweiten Spruch finde ich die Frage interessant, WARUM es denn "weit vom Annehmen des Göttlichen Willens bis zur Aufgabe des eigenen ist."

    Vielleicht, weil "Dein Wille geschehe" selektiv ist? Wir müssen immer erst bemerken, dass irgendjemandes Wille tätig ist. Dann können wir zustimmen. Besser, wenn es Gottes Wille ist, dem wir zustimmen. Aber die Hintertür bleibt offen, die Zustimmung eben doch auch mal zu verweigern, oder auch nur einen (seinen) Willen einem Geschehen zugrundezulegen.

    Das Aufgeben des Eigenwillens ist da absoluter - wenn wir auch zunächst noch mit einzelnen Willensregungen ringen und sie loslassen üben müssen, werden wir doch letztlich zu einem gänzlichen Aufgeben des Eigenwillens kommen.