Im Nahen fern

Rabbi Abraham Chajim, der Freund von Rabbi Jakov ben Katz, war sich nicht zu schade, sich selbst als Beispiel zu benutzen, wenn eine falsche Haltung, ein falsches Verhalten, eine falsche Einstellung oder eine falsche Meinung mit einer farbigen Geschichte untermalt werden musste.


Und so geschah es, als Jakov ben Katz auf der Durchreise nach Nikolsburg in Abraham Chajims Herberge abstieg und sich das beim Abendbrot stattfindende Gespräch der zwei Freunde um äußere und innere Haltung bei Gebet und Lobpreis drehte.


"Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich dem Höchsten besonders nah kommen wollte," berichtete Abraham Chajim. "Damals war es nicht selten, dass Chassidim über Nacht im Bethaus blieben und bis zum Sonnenaufgang und länger ihren spirituellen Übungen nachgingen. Also beschloss auch ich als seinerzeit noch junger Mann, dass ich diese Erfahrung erstmals machen wollte. Ich ging abends zu unserem Rebben und er ließ mich ins Bethaus. Es war schon dunkel und ich tastete mich vorsichtig in den Hauptraum vor, nachdem der Rebbe hinter mir leise die Tür geschlossen hatte. Es war üblich, dass die Nachtwachen ohne Kerzen abgehalten wurden und erst der Morgen wieder Licht brachte. So war man nächtens nicht versucht, immer wieder auf die Uhr zu schauen, und man war von vorne herein auf eine dunkle, zeitlose Nacht eingestellt."


Jakov ben Katz nickte bestätigend und meinte: "So machen wir es bei uns auch heute noch."


"Dann," fuhr Abraham Chajim fort, "richtete ich mich auf der harten Holzbank in der vordersten Reihe unseres Bethauses für die Nachtwache ein. Zum Glück würde es nicht kalt werden, denn es war eine laue Sommernacht. Ich begann mit den ersten Gebeten - so wie unser Rebbe es empfohlen hatte. Zu diesen Versen wollte ich von Zeit zu Zeit immer wieder zurückkehren, aber ich wollte mich auch spontan dem Geschehen in der direkten Gegenwart des Höchsten hingeben. Ich war voller Erwartungen. Als ich dann einige Zeit gebetet hatte, hörte ich hinten im Raum ein Knarren der Bodenbretter, ein Tappen, dumpfe Geräusche und ein Seufzen. Ich nahm an, dass der Rebbe einen weiteren Beter eingelassen hatte. Einen Moment lang fühlte ich mich gestört, aber dann entschloss ich mich, dass ich dem anderen eine vorbildliche Nachtwache zeigen würde. Ich schaukelte meinen Oberkörper stärker und murmelte hörbarer vor mich hin. Zwischendurch erhob ich mich und betete im Stehen. So ging es die ganze Nacht und ich brachte eine erstaunliche Disziplin und Haltung auf. Nur manchmal bedauerte ich, dass ich von dem anderen Gast so wenig mitbekam. Ein gelegentliches seufzendes Atmen und eine Art dumpfes Rascheln war alles, was ich von hinten zu hören glaubte. Schließlich konnte ich am Fenster sehen, dass hinter dem Hause langsam der Himmel hell wurde und zuletzt verwandelte sich auch das Dunkel im Bethaus zunächst in ein Grau und schließlich kehrten die Farben zurück. Nun konnte ich mich nicht länger beherrschen und lugte nach hinten. Dort war aber niemand, wie ich verwundert feststellte, doch in dem Moment erhob sich vom Fußboden der große Hund des Rebben und blickte kurz zu mir herüber, bevor er auf den Flur hinaustappte. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Die ganze Nacht hatte ich für einen schlafenden Hund gebetet und mich dabei vor allem mit der äußeren Form beschäftigt."


Abraham Chajim lachte kopfschüttelnd und Jakov ben Katz stimmte ein. "Wahrscheinlich," schloss Rabbi Abraham Chajim grinsend, "war ich dem Höchsten beim Gebet niemals ferner, als in dieser Nacht."

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Kommentare: 1
  • #1

    Simon (Donnerstag, 19 Oktober 2017 22:35)

    So ein Hund kann aber auch durchaus Hilfreich sein. ;-)