Bennett-Zitate IV

„Er [Ouspensky] sprach über Methoden, die in den esoterischen Schulen Asiens und Osteuropas angewendet werden, um die Aufmerksamkeit zu sammeln und zu verhindern, dass der Geist in fruchtlose Fantasien abschweift. Diese Methoden beruhen auf der Tatsache, dass unser Erinnern, unser Innesein nur eingleisig funktioniert. Erinnern wir uns einer Sache, so vergessen wir andere. Beschäftigen wir unseren Geist mit dem Erinnern von etwas Bestimmtem, so ist der immerwährende Strom beiläufiger Gedanken unterbrochen. Zwei der gebräuchlichsten Methoden sind Auswendiglernen und Repetition.
Das leuchtete mir ein, denn ich hatte mich schon oft gefragt, weshalb Hindus, Muslime und Christen ihre heiligen Schriften immer noch auswendig lernen, nachdem die Notwendigkeit, sie mündlich weiterzugeben, schon tausend Jahre lang nicht mehr besteht. Mein Sanskritlehrer Kanhere hatte mir die Methode gezeigt, nach der die Brahmanen Indiens die Vedas und Brahmanas auswendig lernen. Ich war den Hafiz - den Bewahrern - begegnet, die den ganzen Koran im Kopf hatten und ihn mit sämtlichen grammatischen Fehlern des Propheten wiedergeben konnten. In griechisch-orthodoxen Klöstern lernen manche Mönche die ganze Bibel auswendig, und auch in der westlichen Christenheit waren solche Unternehmungen bis ins 19. Jahrhundert nichts Ungewöhnliches. Ich hatte dergleichen immer als sinnlose Überbleibsel aus einer Zeit betrachtet, in der Lesen und Schreiben noch etwas Besonderes waren und die wenigen Handschriften leicht verlorengehen oder entstellt werden konnten. Jetzt verstand ich, dass die Praxis des Auswendiglernens der Schriften tatsächlich ein Überleben bedeutete - aber nicht einer analphabetischen Epoche, sondern einer Zeit, in der die Menschen noch wussten, wie gefährlich es ist, zu sehr in den Gedanken zu leben.... Er [Ouspensky] beschrieb das immerwährende Herzensgebet - das beständige Wiederholen der Anrufung: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Als diese Praxis vor über tausend Jahren in den griechisch-orthodoxen Klöstern eingeführt wurde, erlangten bald Tausende von Mönchen und Nonnen die Erleuchtung, indem sie der Anweisung des Apostels Paulus folgten, ohne Unterlass zu beten.... Er schlug deshalb vor, dass einige von uns die Bergpredigt oder sogar alle Evangelien auswendiglernten. Andere sollten es mit der beständigen inneren Wiederholung des Vaterunsers versuchen, aber er empfahl uns, die griechische Version zu lernen, da in anderen Sprachen der ursprüngliche Rhythmus verlorenging..... Von diesem Tag an und für die nächsten fünf Jahre machte ich es mir zur Aufgabe, tagsüber so oft wie möglich das Vaterunser auf Griechisch zu wiederholen. Ich sprach es innerlich, während ich las oder mich mit anderen unterhielt. Nach drei Jahren vereinigte es sich mit meinem Atem und ging selbst dann weiter, wenn ich nicht mehr darauf achtete. Mein Tagebuch der Jahre 1931 bis 1935 ist voller Bemerkungen zu dieser Übung. Ich lernte zum Beispiel, das Gebet gleichzeitig und mit verschiedenen Geschwindigkeiten auf Griechisch und Lateinisch zu wiederholen, und für kurze Zeit konnte ich auch noch die deutsche oder russische Fassung einbeziehen. Das erzeugte einen Zustand kontrollierter Abspaltung: Die gewohnte Verbindung zwischen intellektuellen, emotionalen und instinktiven Vorgängen war aufgehoben, und an die Stelle trat etwas Neues - reines Bewusstsein - das sie zusammenhielt.“ (S. 220f)

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Kommentare: 7
  • #1

    Jonas (Dienstag, 17 Oktober 2017 14:53)

    Meine edlen Freunde, ich hab das mit dem Herzensgebet immer noch nicht verstanden, vielleicht könnt ihr mir auf die Sprünge helfen.
    Wird mit dem automatisierten Ablaufen des Gebetes nur der Verstand beschäftigt, um vor ihm Ruhe zu haben, um besser in die Stille eintauchen zu können? Das widerspricht ein wenig meiner Erfahrung, da bei diesem automatischen Ablaufen sich eine neue Gedankenebene ausbildet, die der Verstand wiederum für seine Gedankenketten benutzt. Das läuft dann parallel ab. Bennett beschreibt das ja auch so im Text, dass im Hintergrund das Gebet läuft und er sich gleichzeitig mit anderen unterhält oder ein Buch liest.

    Da läuft - technisch betrachtet - meines Erachtens nur ein Elemental im Hintergrund, wie eine Schallplatte, die sich ständig wiederholt. Was ist der spirituelle Nutzen daraus? Dass man sich der drei Ebenen Gedanken, Gefühle, Körperelementale getrennt bewusst wird, wie das im Text postuliert wird? Ist für mich schwierig nachvollziehbar.

    Ich könnte mir noch vorstellen, dass man durch die ständige Wiederholung eine Verbindung zu den Inhalten der Wiederholung aufbaut, wie etwa zu Gott oder Christus. Und dass diese Verbindung durch das sich permanent wiederholende Elemental präsent gehalten wird und man sich dessen jederzeit gewahr werden kann. Oder man empfindet es als ein Gefühl der Verbundenheit, das immer gegenwärtig ist. Und auf dieser Basis entwickelt sich dann das im Text erwähnte "reine Bewusstsein".

  • #2

    Clemens (Dienstag, 17 Oktober 2017 15:13)

    Also dann mal ran, edle Freunde!! Ich bin gespannt.

  • #3

    Simon (Dienstag, 17 Oktober 2017 23:09)

    Ich vermute, dass am Anfang die Bedeutung eines Gebetes bei einer Repetition, inhaltlich erfasst und nicht losgelassen werden darf, dies erfordert eine hohes Maß an Konzentration und Achtsamkeit. Wird die Wiederholung in den Autopilot-Modus verschoben fällt die Ausrichtung weg, es entsteht eine Form der Einrichtung. Entsteht diese Form können parallel dazu andere unerwünschte und störende Gedanken entstehen.
    Nach endlosen Wiederholungen, wird die A.P schlicht mürbe.
    Verstand und Identifikation treten in den Hintergrund.
    Der Verstand kann nach einiger Zeit keine Identifikation mehr herstellen.
    Aus dem Inhalt wird dann Rhythmus. Aus dem Rhythmus wird Tanz und Tanzen verträgt sich nicht mit Denken.
    Tritt man vom Inhalt in den Rhythmus und vom Rhythmus in den Tanz über, würde ich meinen, dass aus dem anfänglichen Elemental (Inhalt) eine Veredelung hervorgeht, es wird sozusagen transzendiert.
    Außerdem vermute ich, dass wenn diese Technik beherrscht wird, unterschiedliche Grade der Anwendung zur Verfügung stehen. Gleichzeitig ablaufend erlaubt es einem, bei anderen Aktivitäten, Zentriert und ausgerichtet zu sein.
    Wird es zum alleinigen Inhalt, kann es alle störenden Einflüsse verdrängen und zum „reinen Bewusstsein werden“. (Vermute Ich;-)

  • #4

    Ruth Gabriel (Mittwoch, 18 Oktober 2017 07:31)

    Ja, diese Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich denke auch, dass es nicht um die reine Mechanik als Methode gehen kann, da dann auf einer anderen Ebene der Gedankenstrom weiterläuft. Ich vermute wie Simon, dass es darum geht, durch den Inhalt eine Haltung zu etablieren. Ähnlich wie bei den Gelöbnissen, richten wir uns aus und ermöglichen, dass dieser "Zustand" andauernder wird.

  • #5

    Ruth Gabriel (Mittwoch, 18 Oktober 2017 12:14)

    Ergänzung zum Kommentar 4:
    Ich denke, dass es über die Haltungskultivierung noch hinausgeht. Irgendwann schwingt man mit und geht in Resonanz.

  • #6

    Clemens (Mittwoch, 18 Oktober 2017 16:37)

    Clemens (Mittwoch, 18 Oktober 2017 16:36)

    Ja, in bestimmten Anweisungen zum Herzensgebet wird davon gesprochen, dass nach und nach das Gebet (Mantra) vom Kopf bzw. Mund "ins Herz hinabsinkt" und dort unablässig weitergeht. Ich verstehe das auch so wie von Simon und R.G. beschrieben. Es sinkt nicht in eine mechanische Wiederholung, sondern wird zu einer Art Bewusstseinsbasis, auf der alles andere aufbaut.

    Das hat Jonas selbst ja auch schon in seinem Kommentar aus etwas anderen Winkeln angedeutet.

  • #7

    Jonas (Donnerstag, 19 Oktober 2017 18:14)

    Vielen Dank für Eure Beiträge, da sind viele Aspekte drinnen, die mir ein tieferes Verstehen ermöglichen.