Bart

Seit etlichen Jahren war der junge Gavril aus der Nachbarschaft Schüler von Jakov ben Katz gewesen, und zwischenzeitlich war er in ein Alter gekommen, in dem ihn früh und üppig ein kräftiger Bartwuchs überkam. Nur wenig Zeit später hatte er schon einen Bart, der in seiner schwarzen Pracht selbst die Bärte der Gemeindeältesten in den Schatten stellte. Von diesem Zeitpunkt an machte er in den Übungen und Pflichten der Chassidim keine rechten Fortschritte mehr. Stattdessen pflegte er seinen Bart. Er bürstete ihn mehrmals täglich und wusch ihn auch ungebührlich häufig. Zudem verglich er die Bärte aller Chassidim, die zu den Versammlungen kamen - ja, sogar aller Männer, die er auf den Straßen sah - mit seinem eigenen Bart. Er befasste sich schließlich mit fast nichts anderem mehr. Zuletzt bemerkte er jedoch selbst seine Fixiertheit und Stagnation und begab sich nach einem Treffen im Bethause zum Rebben, um ihn diesbezüglich um einen Rat zu bitten.


"Dein Bart ist dir im Wege," sagte Rabbi Jakov kurz angebunden. "Unternimm etwas!"


Verzweifelt ging Gavril nach Hause, raufte sich die Gesichtsbehaarung und griff schließlich zur Schere. Er stutzte und stutzte bis er nur noch ein fusseliges Etwas in seinem Geschicht hatte. Und in diesem Zustand hielt er von da an seinen Bart, pflegte ihn nicht mehr, und ertrug auch den Spott und die Fragen der anderen Chassidim. Er wurde jedoch traurig, und Fortschritte und Freude an den Übungen blieben weiter fern von ihm.


Schließlich bat er Rabbi Jakov erneut um ein Wort der Rechtleitung.


"Du beschäftigst dich immer noch ohne Unterlass mit deinem Bart. Komm heute Nacht zur Schlafenszeit ins Bethaus. Warte im Flur, bis du hereingerufen wirst."


Spät nachts erschien Gavril im Bethaus - die Tür war nicht verschlossen. Er ging hinein und setzte sich im Flur nieder, um zu warten. Nach einer Weile vernahm er aus dem Inneren dumpfe Stimmen. Denen lauschte er einige Zeit, ohne etwas zu verstehen. Dann hörte er seinen Rabbi rufen: "Gavril, nun komm herein!"


Als er den Hauptraum des Bethauses betrat, blickte er verwundert in die Runde. Um ihn herum saßen Männer mit mächtigen Bärten und feurigen Augen, und er meinte, verschiedene Erzväter und Patriarchen und sogar den Baalschem selbst zu sehen. Von der Seite trat sein Rebbe zu ihm und sprach: "Wenn du eine Frage an die Alten hast, dann kannst du sie nun stellen."


Die durchdringenden Augen der ungewöhnlichen Gäste richteten sich auf ihn und er traute sich schließlich zu fragen: "Spielen eure Bärte irgendeine Rolle?"


Die Augen desjenigen, den er für Avroham hielt, schienen noch stärker zu brennen, als er mit einer Stimme wie mahlende Steine zu ihm sagte: "Bärte? Was für Bärte?"


Da schreckte Gavril hoch und fand sich an seinem Tisch in seiner Stube wo er scheinbar vor einem Buch und einer Kerze eingeschlafen war. Es war schon spät und er sprang auf und rannte zum Bethaus. Die Türen waren verschlossen, Licht war nicht zu sehen, und Gavril ging nachdenklich wieder nach Hause. Er sah immer noch die feurigen Augen der Erzväter vor sich.


Am nächsten Tag entschuldigte er sich wortreich bei Jakov ben Katz für sein Fernbleiben, aber der antwortete nur mit einem wissenden Blick: "Fernbleiben? Was für ein Fernbleiben?"


Von da an wuchs der Bart des Gavril wieder. Er vernachlässigte ihn auch nicht. Er kratzte ihn, wenn es ihn juckte. Er wusch ihn bei Bedarf. Und er schnitt ihn kürzer, wenn er ihm hinderlich wurde. Mit seinen Übungen, Pflichten, Studien und seinem Verständnis ging es wieder voran.


Später tuschelten die Leute manchmal über seine feurigen Augen.

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Kommentare: 1
  • #1

    TvB (Dienstag, 31 Oktober 2017 07:57)

    Schöne Geschichte über den Unterschied zwischen formaler und inhaltlicher Änderung. Duales Ergreifen bleibt Ergreifen. Ergreifen löst sich nur durch das Loslassen des Ergriffenen. Nicht durch das Ergreifen des Gegenteils.