Schauung

Einmal, da meine Seele erhoben wurde, erblickte ich Gott in einer Klarheit und Fülle, wie ich ihn nie zuvor geschaut hatte. Ich sah hier nicht nur nicht Liebe, sondern ich verlor zugleich jene Liebe, die ich früher gehegt hatte, und ward versetzt in einen Zustand des Nichtliebens.

Danach erblickte ich ihn in einer Finsternis – Finsternis, sage ich, weil er ein Gut ist über alles Denken und Fassen, und möchte man fassen und begreifen was immer, es reicht nicht an ihn hinan.

Und die Seele empfand einen unverrückbaren Glauben und eine sichere, starke Hoffnung und eine Zuversicht in Gott, so unbedingt, dass alle Furcht zu Ende ist …

Bei solcher Schauung ist die Seele nicht einmal des Gedankens fähig, dass sie jemals jenes höchste Gut verlassen 
oder von ihm verlassen werden könnte. Sie wird in diesem Allgut unsagbar entzückt. Sie sieht kein Mittel, es mit dem Munde zu sagen oder auch nur mit dem Herzen zu fassen – sie sieht nichts und sieht doch alles in allem. …

Es ist ein Schauen der Seele, nicht des Leibes. Der Leib ruht und schlummert, die Zunge ist gelähmt, die Rede verstummt. Alle Liebeserweise, deren Gott mir so viele und unsagbare erwiesen hat, und alle zärtlichen Worte, die er an mich gerichtet, sind ein Geringes, gegen jenes hohe Gut, das ich in Finsternis erschaue.

 

(Angela de Foligno, 1248-1309)

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Kommentare: 2
  • #1

    Clemens (Freitag, 06 Oktober 2017 11:25)

    Und mit Angela de Foligno endet heute die Reihe vornehmlich mittelalterlicher Mystiker aus dem Angebot der erwähnten Kontemplationsseite... ;o(

    (Gibt es eigentlich ein traurig zwinkerndes Emoticon? Na, jetzt jedenfalls schon.)

  • #2

    Jonas (Sonntag, 08 Oktober 2017 10:10)

    Vielen Dank für Deine Mühe, Clemens, dass Du die Texte gesichtet und für uns aufbereitet hast. :-)