Leben

Engel und Erzengel sind uns nahe. Aber Gott ist uns näher. Er ist nicht nur bei uns, sondern in uns. Freilich ist mir nicht unbekannt, dass auch Engel uns einwohnen, kenne ich doch das Wort: „Ein Engel hat in mir gesprochen, freundliche Worte, tröstliche Worte“ (Sach 1,14).

Doch ist auch hier zu unterscheiden. Ein Engel kann durch seine Einwohnung uns Gutes nahelegen, aber er kann es uns nicht einflößen. Er kann zum Guten mahnen, aber er kann es nicht schaffen.

Gott hingegen wohnt so in uns, dass er uns anregt und uns zugleich eingießt. Oder besser, dass er selbst sich uns eingießt und uns Anteil von sich gibt, sodass einer es wagte zu sagen, Gott sei dann eins mit unserem Geist, wenn auch nicht eins der Person oder dem Wesen nach.

So wird der Engel der Seele zum Zeltgenossen, Gott aber wird ihr zum Leben. Wie die Seele in den Augen sieht, im ganzen Körper empfindet, so wirkt auch Gott verschieden in den verschiedenen Geisteswesen. Dem einen erweist er sich als belebende Kraft, dem anderen als Licht der Erkenntnis, jedem in anderer Weise, wie einem jeden die Offenbarung des Geistes zum allgemeinen Nutzen gegeben wird.

 

(Bernhard von Clairvaux, 1090-1153)

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