Leben

Rabbi Jakov ben Katz kam gerade aus dem Garten zurück, in dem er ein kleines Stück Erde umgegraben hatte, denn er und seine Frau Perle wollten dort ein Gemüsebeet anlegen. Als er gerade dabei war, sich des erdverkrusteten Schuhwerks zu entledigen, wurde er von Uri aufgesucht. Uri war ein Mann, der bei den Schargorodern hohes Ansehen genoss. Er war immer bereit eine Belehrung zu geben, doch eine Tasse Tee erhoffte man von ihm vergebens. Nicht dass Juri diese nicht gewährt hätte. Für ihn stand die Belehrung so sehr im Mittelpunkt, dass ihm diese grundlegende Art des Miteinanders einfach nicht so ohne weiteres zugänglich war. Vor einigen Monaten nun hatte er seine Frau verloren und lebte seither allein in seinem kleinen Häuschen.

Während nun Jakov den Tee zubereitete, steckte Perle kurz den Kopf durch die Tür und erinnerte ihren Mann daran, dass das Küchenfenster noch repariert werden wollte.

Jakov reichte Uri eine Tasse Tee, nahm die Katze, die sich auf seinem Sessel zum Schlaf zusammengerollt hatte, auf den Schoß, streichelte sie und trank dabei seinen Tee.

Dabei klagte ihm Uri sein Leid: „Rabbi, ich habe kein größeres Verlangen als Gott zu dienen. Doch mein Leben besteht anscheinend nur noch aus Arbeit, Wäsche waschen, auf dem Markt einkaufen, um eine Mahlzeit zubereiten zu können, das Haus in Ordnung halten und sich um das Vieh kümmern. Und das tagein, tagaus. Wo bleibt da noch Zeit um Gott zu dienen?“ Er schaute den Rabbi müde, erschöpft und verzweifelt an.

Bevor der Rabbi etwas erwidern konnte, klopfte es am Fenster und Jakovs Nachbar Samuel erbat dringend Hilfe, da ihm sein Karren in der nassen Erde steckengeblieben war. Mit vereinten Kräften befreiten sie zu dritt das eingesunkene Rad. Samuel schüttelte voller Dank beiden Männern die Hand, bevor er wieder seinem Tagewerk nachging.

Wieder in der guten Stube schaute Uri den Rabbi voller Zuneigung und Freude an und sagte: „Ich habe heute zwei Dinge gelernt. Zum einen, wie man Gott tagtäglich dienen kann und zum anderen, dass man eine Frage vollständig und umfassend beantworten kann, ohne ein einziges Wort gebrauchen zu müssen.“ Nachdem daraufhin erneut Perle das Zimmer betreten und ihren Mann auf ihre unnachahmliche Art streng noch einmal darauf hingewiesen hatte, dass das Küchenfenster warte, brachen beide Männer in lautes Lachen aus.

 

(Ruth Gabriel)

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Kommentare: 1
  • #1

    Ruth Finder (Freitag, 06 Oktober 2017 14:09)

    Das Naheliegendste tun, unmittelbare Freude und Sinnhaftigkeit an den Dingen und Phänomenen des Lebens entdecken und haben. So verstehe ich die Geschichte.

    Dann kann man auch die "unnachahmliche strenge Art" mancher Genossen mit wohlwollender Gleichmut nehmen. Etwa:

    Als Rabbi Bunam einst in seinem Bethaus einen Mann mit dem Schofarblasen beehrte, hob dieser an, weitläufige Vorbereitungen zu machen, um seine Seele recht auf die Intention der Töne auszurichten. "Narr", rief der Zaddik, "blas!"