Gottsuche

Gott suchen ist ein hohes Gut. Ich möchte es keinem anderen Gut der Seele hintansetzen. Die erste ist es unter den Gaben, der letzte unter den Fortschritten. Keiner unter den Tugenden muss es den Vortritt lassen; denn Gottsuchen ist der Anfang aller Tugenden. Und keiner muss es in die Fußstapfen treten, da alle in ihm ihre Vollendung finden.

Welche Tugend könnte man überhaupt jemandem zuschreiben, wenn ihm das Gottsuchen mangelte? Und wo ist die Grenze für den, der das Gottsuchen übt? Heißt es doch im Psalm: „Sucht sein Angesicht allezeit!“

Ich glaube, selbst wenn einer seinen Gott gefunden hat, wird er nicht ablassen, ihn zu suchen. Suchen – nicht mit flüchtigem Fuß, sondern mit der Sehnsucht des Herzens.

Die Seligkeit des Findens löscht die heilige Sehnsucht nicht aus, sondern entfacht sie von Neuem. Oder sollte doch die Fülle der Freude das Ende des Verlangens sein? – Im Gegenteil! Sie ist Öl auf die Flamme, welche da Sehnsucht heißt.


So ist es: Die Freude wird einmal voll sein. Aber des Verlangens und somit des Gottsuchens wird ewig kein Ende sein.

 

(Bernhard von Clairvaux, 1090-1153)

 

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