Arbeitshypothese

Jonas schreibt in seinem - von mir mit großer Zustimmung gelesenen - Kommentar 5 zu dem Blogbeitrag "Was ist das: Seele!":

"So gesehen sind mir die Mystiker, die es schaffen, das eigentlich Unaussprechliche in Worte zu kleiden, sehr nah und sprechen mich dadurch auch sehr an. (Selbstverständlich betrifft das auch andere Quellen der Verbalinspiration - Anm. R.F.) Bitte daher nicht ein schnelles Urteil darüber fällen, lasst es zumindest als Arbeitshypthese stehen."

Dazu eine meiner Lieblingsgeschichten:

Vielleicht

Einer der Aufklärer, ein sehr gelehrter Mann, der von Berditchewer gehört hatte, suchte ihn auf, um auch mit ihm, wie er es gewohnt war, zu disputieren und seine rückständigen Beweisgründe für die Wahrheit seines Glaubens zuschanden zu machen. Als er die Stube des Zaddiks betrat, sah er ihn mit einem Buch in der Hand in begeistertem Nachdenken auf und nieder gehen. Des Ankömmlings achtete der Rabbi nicht. Schließlich blieb der Zaddik stehen, sah ihn flüchtig an und sagte: "Vielleicht ist es aber wahr."

 

Der Aufklärer nahm vergebens all sein Selbstgefühl zusammen - ihm schlotterten die Knie, so furchtbar war der Rabbi anzusehen, so furchtbar sein schlichter Spruch zu hören. Rabbi Levi Jizchak aber wandte sich ihm nun völlig zu und sprach ihn gelassen an: "Mein Sohn, die Großen der Thora, mit denen du gestritten hast, haben ihre Worte an dich verschwendet, du hast, als du gingst, darüber gelacht. Sie haben dir Gott und sein Reich nicht auf den Tisch legen können, und auch ich kann es nicht. Aber, mein Sohn, bedenke, vielleicht ist es wahr."

 

Der Aufklärer bot seine innerste Kraft zu Entgegnung auf; aber dieses furchtbare "Vielleicht", das ihm Mal um Mal entgegenklang, brach seinen Widerstand."

 

(Ruth Finder)

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