Was ist das: Seele!

Begreife doch einmal, was die Seele im Innersten ausmacht, was das ist: Seele! Die Seele ist ein Wesen, das von Gott gesehen werden kann und das wiederum selbst Gott sehen kann. Die Seele ist auch ein Wesen, das Gott zu gefallen wünscht und das über sich eine gerechte Herrschaft ausübt, insofern sie nicht durch etwas Fremdes, das unterhalb ihrer Würde liegt, geschwächt wird.

Wo es so um die Seele steht, da ist sie eine Grundlosigkeit, in der sich Gott selbst wohlgefällt und wo Er das Wohlbehagen, das Er an sich selbst hat, andauernd in vollkommener Weise in ihr findet und sie umgekehrt auch andauernd in Ihm.

Die Seele ist ein Weg, über den Gott aus seinen tiefsten Tiefen in seine Freiheit gelangt - und Gott ist ein Weg, über den die Seele in ihre Freiheit gelangt, und das bedeutet: in seinen Grund, der nicht berührt werden kann, es sei denn, sie berühre Ihn mit ihrer eigenen Tiefe. Und wäre Gott ihr nicht ganz und gar zu eigen, es würde ihr nicht genügen.

 

(Hadewijch, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts)

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Kommentare: 5
  • #1

    Jonas (Dienstag, 26 September 2017 15:15)

    Wunderbar ausgedrückt von Hadewijch, besser kann man das nicht in Worte fassen. Meine Achtung vor den Beginen, wie etwa auch vor Marguerite Porete, steigt von mal zu mal.
    Das Lesen solcher Texte bietet einen wunderbaren Einstieg ins Sein, es führt in die grundlegendsten Bereiche unseres Selbst. - Bin absolut begeistert. Wo kann man mehr lesen?

  • #2

    Clemens (Mittwoch, 27 September 2017 10:05)

    Leider habe ich bisher keine umfassende Sammlung verschiedener mittelalterlicher Mystiker oder speziell von Beginen gefunden. Ich muss mich mal in die hiesige Unibibliothek aufmachen und dort schauen. Bei Booklooker gibt es auch nicht viel erkennbar sammelnden Stoff zu den Themen...

    Von den bekannten Größen a la H. von Bingen oder Eckhard gibt es ja Einzelpublikationen. Etliche andere der hier zitierten Mystiker sind, wie gesagt, schwerer aufzutreiben.

    Meine hier wiedergegebenen Zitate nehme ich aus einem österreichischen Blog eines Kontemplationsanbieters aus dem katholischen Umfeld. Region Bodensee, wenn ich nicht irre... Hier der Link:

    http://bildstein.d41.at/cms/mystik/mystikerinnen-und-mystiker.html

    Ich suche uns dort aus den mittelalterlichen Mystikern, von unten aufsteigend, alles heraus, was ich ansprechend finde. Zwei Drittel habe ich etwa durch.

    Neuzeitlichere und antike Personen überspringe ich, Marienmystik - zu der ich keinen rechten Zugang habe - lasse ich aus. Mir nicht so relevant erscheinendes ebenfalls.

    Wie ich höre gehe ich manchen mit den "frömmelnden" Beiträgen schon auf den Keks. Also noch ein wenig Geduld, bald sind wir durch. Ich persönlich finde das allerdings eher bedauerlich, da ich die Textbeispiele sehr erhebend finde.

    Allerdings kann ja auch jeder selbst den Blog mitgestalten indem er mir Beiträge per Email zukommen lässt oder via allgemeine Kommentare direkt auf die Webseite bringt. Dort ist so wenig los, dass ich alle allgemeinen Kommentare immer in den Blog übertragen würde, da sie sonst keiner außer mir sehen würde.

  • #3

    Ruth Finder (Mittwoch, 27 September 2017 10:58)

    Ich schließe mich Jonas und Clemens an.

  • #4

    Clemens (Mittwoch, 27 September 2017 11:12)

    Staats- und Universitätsbibliothek Bremen gibt auf den ersten Blick (Onlinerecherche bzgl. Beginen) leider auch nicht viel her. Da muss ich mal spezieller schauen und mit Namen arbeiten.

  • #5

    Jonas (Donnerstag, 28 September 2017 09:03)

    Danke für´s Reinstellen der Texte, Clemens, meiner Begeisterung darüber habe ich ja schon Ausdruck verliehen. Falls man mich deshalb als "Frömmler" sieht, kann ich ganz gut damit leben^^. Es wird ja niemand gezwungen, es zu lesen. Und ehrlich gesagt, mich spricht auch nicht immer alles in der gleichen Weise an, es kommt halt darauf an, ob es für den Einzelnen bezüglich seiner Entwicklung gerade passt oder nicht. Ich komme manchmal auch gerne auf ältere Beiträge zurück, die mich seinerzeit nicht ansprachen und die dann meist unerwartet an persönlicher Aktualität gewinnen, wenn sich eben entsprechende persönliche Entwicklungen einstellen. Beispielsweise konnte ich mit Angelus Silesius seinerzeit überhaupt nichts anfangen, jetzt ist er einer meiner Lieblinge.
    Was diese Texte meines Erachtens gut zum Ausdruck bringen, ist, dass wir Teil eines großen, allumfassenden Selbstes (Gott) sind, das sich über uns Ausdruck verleihen möchte. Und dass wir über die real empfundene Erkenntnis, dass wir das tatsächlich sind, umgekehrt auch wieder "zurückkehren" können, unser wahres Wesen wiederfinden können, form- und zeitlos in uns selbst. So gesehen sind mir die Mystiker, die es schaffen, das eigentlich Unaussprechliche in Worte zu kleiden, sehr nah und sprechen mich dadurch auch sehr an. Bitte daher nicht ein schnelles Urteil darüber fällen, lasst es zumindest als Arbeitshypthese stehen.
    Ich denke jeder, der mit dieser Ebene unseres Seins schon in Berührung gekommen ist, wird verstehen, was mich umtreibt und was ich hiermit meine.