Pilger, deine Wallfahrt

Ein Pilger, der lange unterwegs ist, hat neun Aufgaben.
Die erste besteht darin, dass er nach dem Weg fragt.
Die zweite, dass er sich gute Reisegefährten sucht.
Die dritte, dass er sich vor Dieben hütet.
Die vierte, dass er sich vor Unmäßigkeit beim Essen in Acht nimmt.
Die fünfte, dass er seine Kleider schürzt und sich fest gürtet.
Die sechste besteht darin, dass er sich, wenn er bergauf geht, tief vornüberbeugt.
Die siebte, dass er beim Abstieg vom Berg dann aufrecht geht.
Die achte, dass er nach dem Gebet guter Menschen verlangt.
Die neunte, dass er gerne über Gott spricht.

Zum Schluss ermahne ich dich im Namen der heiligen Liebe Gottes, dass du deine Wallfahrt in vorbildlicher und makelloser Weise antrittst, ohne den Verdruss und die Beschwernis, die mit der Eigenwilligkeit einhergehen, sondern mit einer liebenswürdigen, friedlichen und freundlichen Geisteshaltung. Ziehe durch dieses fremde Land mit einer so aufrichtigen, so lauteren und  so glühenden Gesinnung, dass du am Ende Gott, deinen Geliebten, findest.

 

(Hadewijch, erste Hälfte des 13. Jahrhunderts)

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Kommentare: 4
  • #1

    Clemens (Dienstag, 26 September 2017 10:28)

    Man fragt sich, was diese neun Aufgaben übertragen bedeuten. Klar, einige sind recht offensichtlich, bedeuten, was sie bedeuten. Andere sind nicht so leicht zu verstehen.

    1. Die Bereitschaft, sich belehren zu lassen.
    2. Sich mit guten Mitschülern umgeben. Gute Lehrer haben und guter Lehrender sein. Darüber hinaus auch die Struktur der AP (Elementalgruppe) möglichst positiv gestalten - die AP ist der engste Reisegefährte (Gefährt!).
    3. Schwierig. Vielleicht sich vor energiesaugenden, nicht zielführenden Elementalen, Personen, Situationen etc. zu hüten.
    4. Der AP zukommen lassen, was sie benötigt - zum Erhalt, nicht als Selbstzweck.
    5. Auch nicht leicht. Etwa: Das für das Beschreiten des Weges Nötige pfleglich behandeln und entschlossen nutzen.
    6. Die Annäherung an das Höchste demütig angehen.
    7. Verwicklungen der AP-Struktur in der Welt und Konsequenzen daraus würdig und ohne Scham und (Selbst-)Verbergungstendenzen durchstehen. Vielleicht auch das Leben auf den physischen Tod hin akzeptieren und annehmen.
    8. Nicht alle guten Menschen sind zwingend nahe Weggefährten, aber man freut sich über die Begegnungen und mehr noch über die (gegenseitige!) energetische, inhaltliche und sonstige Unterstützung.
    9. Nicht in Verzweiflung über die "Welt" verstummen, sondern (an den rechten Stellen) gerne das Wissen und das Schwelgen teilen.

    Und am Ende dann ein Aufruf zur rechten Geisteshaltung beim Beschreiten des Weges. Schwer besser zu fassen...

  • #2

    Ruth Finder (Dienstag, 26 September 2017)

    Zu dem abschließenden Aufruf folgendes:

    Rabbi Nachman von Bratzlaw sagte: "Das Obsiegen (Eigenwilligkeit) erträgt die Wahrheit nicht, und wenn man vor deinen Augen ein wahres Ding ausbreitet, verstößest du es wegen des Obsiegens. Wer da die Wahrheit in ihr selbst will, treibe den Geist des Obsiegens hinweg; dann erst bereite er sich, die Wahrheit zu schauen."

  • #3

    TvB (Mittwoch, 27 September 2017 07:38)

    zu Clemens) "Das Gefährt ist der engste Gefährte." Merkwürdig im wörtlichen Sinn des Wortes.

  • #4

    Clemens (Mittwoch, 27 September 2017 09:42)

    Hab ich das nicht aus den "drei Ringen" geklaut?