Gott schauen

Zwei Arten von Beschauung sind: Die eine liegt im Anfang und geht von der Betrachtung der Geschöpfe aus; die andere kommt zuletzt: es ist diejenige, worin die Vollkommenen „Gott schauen“.
Man kann auch drei Arten unterscheiden: Betrachtung, einfacher Blick, Schauung.
In der Betrachtung wird das zu frommer Andacht entzündete Gemüt noch von unzeitiger Störung fleischlicher Leidenschaften verwirrt und verdunkelt.
Beim einfachen Blick erhebt ein neues, bisher ungewohntes Schauen zu Bewunderung.
Bei der Schauung wird die Seele durch die Erfahrung einer wundersamen Süßigkeit ganz in Freude und Lust gewandelt.
Ist also Betrachtung bezeichnet durch unruhigen Eifer, so der einfache Blick durch Bewunderung, die Schauung durch heilige Lust.
Das Wesen Gottes ist unfassbar für die menschliche Vernunft, die nur erfasst, was sie kennt. Die aber den Geist Gottes in sich haben, haben auch Gott: Sie sehen Gott, weil sie ein erleuchtetes Auge haben, mit dem Gott geschaut werden kann; und sie nehmen ihn wahr nicht in einem anderen oder in der Art eines anderen, das nicht er selbst wäre, sondern ihn selbst und in ihm selbst, was er ist: weil er gegenwärtig ist.

 

(Hugo von St. Victoir, um 1096-1141)

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