Schauendes Leben

Entleertes, bilderloses Denken, ein klares Schauen im göttlichen Lichte und eine reine Entrückung des Geistes vor das Antlitz Gottes, - diese drei zusammen bilden und erzielen das wahrhaft schauende Erleben, darin niemand sich irren kann. Der reine Geist nämlich neigt sich beständig zu dem verklärten Verstand und folgt ihm mit nackter Sehnsucht zu seinem Ursprunge. Unser himmlischer Vater aber ist Ursprung und Abschluss alles Werdens. In ihm entspringen wir allesamt, rein gedanklich und in einem bildlosen Gesichte. In seinem Sohne schauen wir mit verklärtem Verstande alle Wahrheit in göttlichem Lichte. Im heiligen Geiste vollbringen wir alle unserer Werke. Hier, wo wir voll nackten Liebens verzückt sind in das Antlitz Gottes, sind wir los und ledig aller Geschehnisse und aller Träume. Das ist das schauende Leben obersten Grades. Es in jedem Augenblicke beginnen und vollbringen zu können, dies ist der Ratschlag der Liebe. Und dies ist die sechste Stufe auf unserer himmlischen Treppe.

 

(Jan van Ruysbroek, 1293-1381)

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Kommentare: 1
  • #1

    Clemens (Sonntag, 10 September 2017 19:41)

    http://www.gottliebtuns.com/jan_van_ruysbroeck.htm

    Hier kann man drei Werke von Ruysbroek herunterladen. Und auf der Seite auch sonst noch einiges erstöbern.