Seelenburg

Weil ich weder wusste, wie das mir aufgetragene Werk beginnen, noch überhaupt, was ich sagen sollte, bat ich inständig unseren Herrn, dass Er durch mich sprechen möge. Da fiel mir ein guter Ausgangspunkt ein, nämlich dass wir uns die Seele vorstellen können als eine kristallene oder diamantene Burg mit vielen Gemächern, so wie auch der Himmel viele Wohnungen hat.

Wenn ich hier auch nur von sieben Wohnungen spreche, umfasst eine jede doch deren viele, unten und oben und an den Seiten, mit wunderschönen Gärten und Brunnen und verschlungenen Wegen, so zauberhaft, dass ihr am liebsten vergehen würdet in Lobpreisungen des großen Gottes, der dieses nach seinem Bilde und Gleichnis geschaffen hat.

Ganz in der Mitte der Burg aber, in ihrem Zentrum, liegt die Wohnung, auf die alles ankommt, und wo geheimnisvolle Dinge zwischen Gott und der Seele geschehen.

Wir müssen sehen, wie wir hineingelangen können. Es scheint, als rede ich hier Unsinn. Denn wenn die Burg die Seele ist, so kann man doch nicht hineingehen, man ist sie ja selbst. Ebenso sinnlos wäre es, jemandem zu sagen, er möge ein Zimmer betreten, in dem er sich schon befindet.
Aber hier müsst ihr den Unterschied erkennen zwischen Sein und Innesein. Denn viele Seelen umrunden die Burg draußen auf dem Wehrgang, wo die Wachen die Tore schützen. Sie wollen auch gar nicht hinein, denn sie erkennen nicht den Wert des Ortes, wissen nicht, wer darin wohnt und welche Gemächer die Burg birgt. Ihr werdet in Büchern, die zum Gebet anleiten, schon den Rat gefunden haben, die Seele möge sich nach innen wenden. Das eben ist hier gemeint.

 

(Teresa von Avila, 1515-1562)

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Kommentare: 5
  • #1

    Clemens (Donnerstag, 31 August 2017 10:27)

    Das Bild der Seelenburg fügt sich sehr schön in unsere Vorstellung von dem HS in der Verwechslung mit der AP. Das HS bleibt in diesem Zustand "nach außen gerichtet" auf dem Wehrgang, wo die Wachen (die Summe der Elementale) die Tore schützen - in Konfrontation mit dem Äußeren und sich selbst zu den Wachen zählend, also sich verwechselnd. Wird es dagegen seiner selbst gewahr/"inne", dann vermag es sich auf den Weg zum Zentrum zu begeben.

  • #2

    Jonas (Freitag, 01 September 2017 08:39)

    Hallo Clemens, was auch mich im Text zum Nachdenken angeregt hat ist die Aufforderung Teresas, den "Unterschied zwischen Sein und Innesein zu erkennen". Letzteres hätte ich hier genau so wie Du als "seiner selbst gewahr sein" interpretiert. Also genau der gegenteilige Zustand, den die meisten Menschen in ihrer Verwechslung heutzutage einnehmen.
    Beim Lesen der beiden Begriffe kam mir aber im ersten Moment andere Gedanken in den Sinn, nämlich der Unterschied zwischen Bewusstsein (=sein) und Gewahrsein (=innesein). Ersteres impliziert für mich eine gewisse Passivität, heilig-geistiger Natur, wobei auch Einssein mitschwingt. Bildhaft ausgedrückt bin ich als Bewusstsein einfach nur der Raum, das Feld, in dem sich gewisse Dinge ereignen.
    Der Begriff Innesein geht weit darüber hinaus, hier kommt meines Erachtens eine wesensmäßige innere Trennung, eine Aufgliederung (in HS und AP) zum Ausdruck, wodurch erst die Möglichkeit zu Individualisierung und zum aktiven Handeln in Einklang mit dem göttlichen Willen geschaffen wird. Ich bin mir also meines wahren Wesenskerns im HS gewahr und handle als Individuum aus dieser Verbindung heraus. Innesein/Gewahrsein ist also ein Merkmal des Logos, ein Merkmal des Menschen!
    Teresa weist zurecht auf dieses Zentrum in der Seelenburg hin, auf den Urgrund, den göttlichen Teil, den wir in uns entdecken müssen. Oder biblisch ausgedrückt auf den Schatz in unserem Acker.

  • #3

    Clemens (Freitag, 01 September 2017 09:55)

    Schlüssig dargelegt, Jonas :o) - und RF hat auch eine sehr schöne Überlegung auf dem Feuer, die hier demnächst zu lesen ich mich schon freue...

    Ich bin gestern nach meinem Kommentar noch weiter an dem Satz hängengeblieben: "Denn viele Seelen umrunden die Burg draußen auf dem Wehrgang, wo die Wachen die Tore schützen."

    Wenn die "Seele" vom Wehrgang abzieht und sich nach innen wendet, dann wird die "Wehr" an der Mauer und den Toren schwächer - und wahrscheinlich durch Vitalitätsentzug fortschreitend schwächer. Dadurch wird die Grenze zwischen Innen und Außen durchlässiger bzw. beginnt sich aufzulösen. Die egoistische Haltung, die zwischen persönlichem Wohl und Unwohl und dem äußeren Wohl und Unwohl unterscheidet, schwindet.

  • #4

    Ruth Finder (Freitag, 01 September 2017 10:43)

    Die schönen Wohnungen in der Burg sind die Tugenden, die spirituellen Erfahrungen. Das Betreten dieser Wohnungen, deren neugierige Erkundung, allmählige Vertrautwerdung und Freude innerhalb ihrer ist die Weg-Arbeit. Aber gerade hier besteht die Gefahr der Einrichtung: die Seele fühlt sich wohl, "setzt sich hin" und schaut zuweilen aus dem Fenster, wo sie wieder zum Kontakt mit den Wehranlagen kommt, sich aber aus dieser Position in scheinbarer Sicherheit wiegt. Das Ziel ist aber, in die Mitte des Burges zu gelangen, sich auf dieses Ziel auszurichten.

    Nichts anderes sagt Rabbi Israel von Rizin:

    "Zwei Menschen kamen in den Königspalast. Der eine verweilte in jedem Saal, betrachtete mit kundigem Blick die Prunkstoffe und Kleinodien und konnte sich nicht sattsehen. Der andere ging durch die Säle und wusste nur: Das ist des Königs Haus, das ist des Königs Gewand, noch ein paar Schritte, und ich werde meinen Herrn König schauen."

    Und nichts anderes will uns Marguerite Porete sagen:

    "Ein sehr langer Weg führt aus dem Land der Tugenden, in dem die Verirrten sich aufhalten, zu demjenigen der Vergessenen und der vernichtigten Nackten oder der Verklärten, die sich im höchsten Zustand befinden, da wo Gott in ihm selbst, aus ihm selbst gelassen wird. Er wird dann von jenen Kreaturen nicht erkannt, nicht geliebt und nicht gelobt, einzig nur insofern man ihn nicht erkennen, nicht lieben und nicht loben kann: Das ist der Inbegriff ihrer ganzen Liebe und das letzte Stück des Weges."

  • #5

    L. (Freitag, 01 September 2017 17:12)

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