Ich weiß es nicht

Ein sehr langer Weg führt aus dem Land der Tugenden, in dem die Verirrten sich aufhalten, zu demjenigen der Vergessenen und der vernichtigten Nackten oder der Verklärten, die sich im höchsten Zustand befinden, da wo Gott in ihm selbst, aus ihm selbst gelassen wird. Er wird dann von jenen Kreaturen nicht erkannt, nicht geliebt und nicht gelobt, einzig nur insofern man ihn nicht erkennen, nicht lieben und nicht loben kann: Das ist der Inbegriff ihrer ganzen Liebe und das letzte Stück des Weges.

 

(Marguerite Porete)

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Kommentare: 2
  • #1

    Ruth Finder (Samstag, 26 August 2017 10:28)

    Ein kryptisch schöner Satz, um dann schauend in seinem tiefen Sinn zu schweben! Schon wohl immer in der Geschichte des menschlichen Geistes sprachen einige Wenige darüber. Sie haben das nur mit unterschiedlichen Worten ausgedrückt.

    Der Baalschem sprach einmal zu seinen Schülern: "Nach allen Stufen, die ich im Dienst Gottes erreicht habe, lasse ich sie alle fahren und halte mich an den schlichten Glauben im Empfangen der Gottheit."
    Ja, die heilige Einfalt, der begriffs- und urteilslose Schau, die losgelöste und loslassende Seele.

    Ein anderer, Rabbi Menachem Mendel von Worki, sagte einmal: "Uns geziemen drei Dinge: ein aufrechtes Knien, ein lautloser Schrei, ein unbewegter Tanz."
    Abermals potenziert (gesteigert) bedeutet das die objektlose, ausdruckslose Liebe.

    Nicht zuletz etwas von Rabbi Jakov ben Katz: "...aber ein Suchender weiß nicht, wohin ihn der Weg führt, und er kennt IHN nicht, der am Ende des Weges seiner harrt. Dennoch ist seine Freude unermesslich."

  • #2

    Jonas (Sonntag, 27 August 2017 12:59)

    Ja Ruth, wunderbar ausgedrückt, es ist das Eintauchen in das Wesen Gottes selbst, in seine unbewegte Bewegtheit, seine unmanifestierte Allmacht und Allgüte.

    In der Physik würde man es als potentielle Energie bezeichnen, etwa wie ein großer Stein, der auf der Spitze eines Berges liegt, ruhig, unbeweglich, aber ein enormes Potential in sich bergend.

    Wir können in diese bedingungslose, unmanifestierte Liebe eindringen, in uns selbst, da wir Teil davon sind. Und sie dann - rückverankert darin - im Manifestierten, im täglichen Leben zum Ausdruck bringen.