Philippus 2.026

Spruch 62: Fürchte dich nicht vor dem Fleisch noch liebe es. Wenn du dich vor ihm fürchtest, wird es Herr über dich werden; wenn du es liebst, wird es dich verschlingen und dich erwürgen.

 

Spruch 64: Einige wollen weder noch können sie. Andere haben keinen Nutzen, wenn sie wollen, weil sie es (sicher: das Gewollte) nicht getan haben. Denn [...] sie zu Sündern. Und wenn sie nicht wollen, wird die Gerechtigkeit sich vor beiden (oder: in beiden Fällen) verbergen (oder: entfernen). Und es ist immer eine Angelegenheit des Willens, nicht des Tuns.

Spruch 65: Ein Apostelschüler sah in einem Traumgesicht einige, wie sie in ein brennendes Haus eingeschlossen waren und gebunden waren mit feurigen [...] und geworfen worden waren in einen feurigen [...] sie in [...] Glaube [...]. Und es wurde ihnen gesagt: ,,[...] imstande  gewesen zu retten (oder: gerettet zu werden) [...] sie haben nicht gewollt." So haben sie erlangt [...] Strafe, welche genannt wird die [...] ,Finsternis', denn er [...]."

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Kommentare: 5
  • #1

    Maria (Mittwoch, 19 Juli 2017 11:37)

    Zu Spruch 62:
    Ich interpretiere diesen Spruch folgendermaßen: Das Fleisch steht als Synonym für die materielle Ebene generell oder speziell für unsere Existenz auf der materiellen Ebene in der Verkörperung mit einem physischen (und psychonoetischen) Körper.
    Das, was wir fürchten, bindet uns. Furcht beinhaltet in der Regel auch Vermeidung, d.h. einer Entwicklungsanforderung wird nicht nachgekommen. Da die Furcht eine einseitige bis extreme Bewegung in eine Richtung bedeutet, wird die meiste Energie für das Verharren aufgewendet, nicht für die Entwicklung. Aufgrund des uns/ dem Leben innewohnenden Bedürfnisses nach Ausgleich, entsteht eine mindestens gleichstarke Gegenbewegung, die diese Blockade und Ungleichgewicht lösen soll. Das verstehe ich aus der bisherigen Beobachtung als ein universelles Lebensprinzip, welches in Chemie, Physik, Biologie, Psychologie etc. in verschiedener Form beschrieben wird. Spirituell ist die Gegenbewegung mit der Erhöhung des Drucks zum Auflösen der Blockade und Nachkommen der Entwicklungsanforderung gedacht. Durch diese Gegenbewegung entsteht weiterer Druck und die Furcht verstärkt sich dadurch weiter, wenn man der Anforderung nicht nachkommt. Das ist eine unheilsame Pendelbewegung, aus der man auf diese Art und Weise nicht aussteigen kann. D.h. wir sind so nicht Herr über uns (unser HS), sondern unsere gebundene, unfreie und die Entwicklung vermeidende Alltagspersönlichkeit und deren unheilsamen Elementale unterjochen uns.
    Auf der anderen Seite ist auch die übermäßige und alleinige Identifikation mit dem Fleisch, unserem Körper, unserer materiellen Existenz, der Alltagspersönlichkeit, ein Problem. Das ist hier vermutlich mit dem Begriff Liebe gemeint. Dies ist keine (göttliche) Liebe im eigentlichen Wortsinn, sondern eine Überidentifikation und Verwechslung mit der Alltagspersönlichkeit. So werden wir (unser HS), wenn dieser „Liebe“ zur AP nachgegeben wird, und wir unser wahres (Höheres) Selbst vergessen, von einer Unsumme an unheilsamen Elementalen verschlungen und der Zugang zum HS dadurch abgewürgt.
    Die Anweisung für uns ist also, weder unsere Verkörperung abzulehnen und die daraus resultierenden Entwicklungsanforderungen im Fleische zu vermeiden oder zu fürchten, noch das Fleisch als alleinige Realität zu betrachten und unsere wahre Natur zu vergessen. Es muss eine über das Fleisch hinaus bestehende Ausrichtung und Bestimmung erarbeitet und erinnert werden. Die Aufgabe ist, dass wir (HS) uns unserer göttlichen Natur im Fleische bewusst werden. Verstehen, wer wir wirklich sind und unsere so erfahrene Existenz dann so nutzen, um das göttliche auf der materiellen Ebene widerzuspiegeln. Und ein Aspekt scheint mir noch wichtig zu sein: Eine freudvolle Verkörperung in unseren Körpern ist nicht verboten, wenn diese auf das göttliche Prinzip hin ausgerichtet ist.

  • #2

    Ruth Finder (Mittwoch, 19 Juli 2017 13:42)

    zu 62) Und das Ganze ist für Aufarbeitung noch schwieriger und verwirrender, weil man Furcht mit Liebe und umgekehrt verwechselt bzw. bestehen da keine klaren Grenzen, denn die beiden Zustände bedingen einander.

  • #3

    Clemens Satorius (Donnerstag, 20 Juli 2017 10:34)

    zu 65) Dieser arg fragmentierte Spruch lässt sich wohl nur mit einer guten Portion Spekulation deuten: Der Apostelschüler sah in einem Traumgesicht die Psychiker, die gleich in mehrfacher Hinsicht gefangen waren - in einem brennenden Haus, gefesselt mit feurigen Banden und geworfen in einen feurigen Pfuhl/Ofen/Raum/Keller/Hof(?). Das brennende Haus könnte für den grobstofflich/psychonoetischen Körper stehen, der zwangsläufig vergeht. Die feurigen Bande könnten die Summe der Elementale der AP sein, die die AP beherrschen/sind und nicht frei gegen sich selbst werden lassen. Der feurige Pfuhl etc. könnte das Glaubenskonstrukt sein, in das sie "unfreiwillig" geboren wurden, oder das sie "freiwillig" als Resultat eigener VORstellungen geraten sind.

    Ihnen wurde gesagt, dass sie sich und/oder andere zu retten imstande gewesen wären - wahrscheinlich, wenn sie vom religiösen Verständnis ihrer selbst, ihrer Persönlichkeit und ihres Glaubens zu einem spirituellen Verständnis gewechselt hätten (ohne dies hier inhaltlich zu definieren - das setzt der Schreiber des Spruches wohl voraus, wie auch ich es hier kann). Sie haben aber nicht gewollt! Die AP fühlte sich bedroht von möglicher Veränderung und verweigerte.

    Ihre Strafe war - neben der relativ vergeudeten Inkarnation in dem brennenden Haus - vor allem die innere Finsternis selbst, die wir als Schalenhölle begreifen dürfen. Sie wird allerdings nur von Verstehenden so GENANNT. Der Bewohner der Schalenhölle erkennt sie nicht als innere Finsternis: "Strafe, welche genannt wird die [innere] ,Finsternis', denn er [selbst erkennt sie nicht]."

  • #4

    Clemens Satorius (Donnerstag, 20 Juli 2017 15:10)

    Zum brennenden Haus ergänzend dieses Gedicht von Bertold Brecht namens "Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus", das in der buddhistischen Überlieferung meines Wissens so nicht vorkommt.

    Gothama, der Buddha, lehrte
    Die Lehre vom Rade der Gier, auf das wir geflochten sind, und empfahl,
    Alle Begierde abzutun und so
    Wunschlos einzugehen ins Nichts, das er Nirwana nannte.

    Da fragten ihn eines Tags seine Schüler:
    «Wie ist dies Nichts, Meister? Wir alle möchten
    Abtun alle Begierde, wie du empfiehlst, aber sage uns,
    Ob dies Nichts, in das wir dann eingehen,
    Etwa so ist wie dies Einssein mit allem Geschaffenen,
    Wenn man im Wasser liegt, leichten Körpers, am Mittag
    Ohne Gedanken fast, faul im Wasser liegt oder in Schlaf fällt,
    Kaum noch wissend, dass man die Decke zurecht schiebt,
    Schnell versinkend, ob dies Nichts also
    So ein fröhliches ist, ein gutes Nichts, oder ob dies dein
    Nichts nur einfach ein Nichts ist, kalt, leer und bedeutungslos.»

    Lang schwieg der Buddha, dann sagte er lässig:

    «Keine Antwort ist auf euere Frage.»

    Aber am Abend, als sie gegangen waren,
    Saß der Buddha noch unter dem Brotbaum und sagte den andern,
    Denen, die nicht gefragt hatten, folgendes Gleichnis:

    «Neulich sah ich ein Haus. Es brannte. Am Dache
    Leckte die Flamme. Ich ging hinzu und bemerkte,
    Dass noch Menschen drin waren. Ich trat in die Tür und rief
    Ihnen zu, daß Feuer im Dach sei, sie also auffordernd,
    Schnell hinauszugehen. Aber die Leute
    Schienen nicht eilig. Einer fragte mich,
    Während ihm schon die Hitze die Braue versengte,
    Wie es draußen denn sei, ob es auch nicht regne,
    Ob nicht doch Wind ginge, ob da ein anderes Haus sei,
    Und so noch einiges. Ohne zu antworten,
    Ging ich wieder hinaus. Diese, dachte ich,
    Müssen verbrennen, bevor sie zu fragen aufhören. Wirklich, Freunde,
    Wem der Boden noch nicht so heiß ist, daß er ihn lieber
    Mit jedem andern vertausche, als daß er da bliebe, dem
    Habe ich nichts zu sagen.»

    So Gothama, der Buddha.

    Aber auch wir, nicht mehr beschäftigt mit der Kunst des Duldens,
    Eher beschäftigt mit der Kunst des Nichtduldens und vielerlei Vorschläge
    Irdischer Art vorbringend und die Menschen beschwörend,
    Ihre menschlichen Peiniger abzuschütteln, meinen, daß wir denen, die
    Angesichts der heraufkommenden Bombenflugzeuggeschwader des Kapitals noch allzu lang fragen,
    Wie wir uns dies dächten, wie wir uns das vorstellten
    Und was aus ihren Sparbüchsen und Sonntagshosen werden soll nach einer Umwälzung,
    Nicht viel zu sagen haben.

    (In: Bertolt Brecht: Hundert Gedichte 1918-1950, Berlin 1962)

  • #5

    Ruth Finder (Donnerstag, 20 Juli 2017 18:52)

    zu 64) Gerechtigkeit ist Handlung/Tun im göttlichen Sinne - aus Güte und Liebe. Wir müssen diese gütige und liebende innere Haltung/die Rechtschaffenheit erst anstreben - sprich, wollen! Also wir müssen den WAHREN schöpferischen Willen aufbringen das RICHTIGE wollen und tun, was wiederum das richtige Wissen - wissen was, wissen wie und tun - voraussetzt: Das fehlt Hylikern noch fast ganz ("Einige wollen weder noch können sie.") und den Psychikern ("Andere haben keinen Nutzen, wenn sie wollen, weil sie es nicht getan haben.") zum großen Teil. Und hier, bei Psychikern, schließt der Spruch 65 bzw. dessen sehr gute Deutung von C.S. ganz gut an. Und so bleibt für sie ihre Bestimmung - gerechtes Sein - unerkannt (verborgen) und in weite Ferne gerückt (entfernt).