Philippus 2.024

Spruch 56: Wenn ein Blinder und einer, der sieht, beide im Finsteren sind, sind sie nicht voneinander unterschieden. Wenn (aber) das Licht kommt, wird der, der sieht, das Licht sehen, und der Blinde wird im Finsteren bleiben.

Spruch 57: Der Herr sagte: ,,Gesegnet ist der, der existiert, bevor er entstand. Denn der, der existiert, war und wird sein."

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Kommentare: 3
  • #1

    Jonas Hochreiter (Dienstag, 11 Juli 2017 16:16)

    Meister Eckhart drückt Spruch 57) in verblüffend ähnlichen Worten aus, in denen er uns auf unser höheres Selbst außerhalb der Welten der Trennung hinweist und uns sogar einen Weg dazu zeigt (kein Zitat):"Geh tief hinein in Deinen Urgrund... und Du wirst sein "wie Du warst, als Du noch nicht warst" (=in 57: ...der, der existiert, bevor er entstand).

    Durch diese für den Verstand scheinbar widersprüchliche Formulierung wird auf unsere wahre und ursprüngliche Existenz außerhalb der Trennungswelten hingewiesen, die zeit- und raumlos, also ewig ist ("Denn der, der existiert, war und wird sein." ).

    Erst durch die Inkarnation sind wir "entstanden", haben in die Welten der Trennung einen Teil von uns ausgedehnt, der mit Körperhüllen umgeben wurde, welche uns die Teilnahme an diesen Ebenen ermöglichen. Wir leben gleichzeitig auf verschiedenen Ebenen, auch wenn wir uns dessen meist nicht bewusst sind. Wir sind wie eine Nadel, die in mehrere Schichten/Ebenen hineinsticht und wo die Spitze nicht weiß, dass sie als Ganzes, Ungeteiltes bis zur Öse hinaufreicht.

  • #2

    Ruth Finder (Dienstag, 11 Juli 2017 18:31)

    zu 56) Man könnte sich fragen, was denn dieses "sehen können" / "nicht blind sein" wäre. Es geht hier nicht um das Sehen des Auges, vielmehr um das Sehen des Herzens, der Seele, des wahren Bewusstseins. Es geht um die innere Bereitschaft in der Welt der Trennung (in der "Finsternis", aber nicht im Sinne von "in der Hölle", sondern im Sinne der Entfernung von der Quelle des Lichtes - Gott) den geistigen Rat, die Lehre, die Wahrheit, die Gnade - das Licht - immer wieder zu empfangen. Das ist auch die Ausrichtung.
    Frei nach Martin Buber: "...es will mir jedoch scheinen, dass es in unserer Weltzeit (...) darauf ankommt, ewige Wirklichkeit zu erkennen und aus ihrer Kraft gegenwärtiger Wirklichkeit standzuhalten. Es ist in dieser Wüstennacht kein Weg zu sehen; es ist mit BEREITER Seele zu verharren, bis der Morgen kommt und ein Weg sichtbar wird."

  • #3

    Jonas Hochreiter (Mittwoch, 12 Juli 2017 14:21)

    Hier noch eine weitere Möglichkeit der Auslegung von 56):
    Im biblischen Zusammenhang wird das Bild der "Finsternis" oft als Synonym für die Welten der Trennung und das "Licht" als die Bereiche außerhalb davon verwendet. Daraus ließe sich folgende Interpretation ableiten:

    Wenn ein Blinder (=wenig entwickelter Mensch) und einer, der sieht (er hat die Schau, ein Hochentwickelter, jemand, der den Weg des Menschen eigentlich schon beendet hat), beide im Finsteren sind (beide sind inkarniert ), sind sie (äußerlich betrachtet) nicht voneinander unterschieden. Wenn (aber) das Licht kommt (wenn sie exkarniert und außerhalb der Welten der Trennung sind) , wird der, der sieht, das Licht sehen (und im Sinne der Resonanz dort bleiben können), und der Blinde wird im Finsteren bleiben (muss wieder und wieder inkarnieren). Zugegeben, etwas holprig die Auslegung.

    Weitere Interpretationsmöglichkeit:
    "Wenn (aber) das Licht kommt..." könnte man auch als Census der Boni auffassen: Der Blinde, also der, der das notwendige Abschlussniveau seiner Schulklasse noch nicht erreicht hat (er kann noch nicht sehen), muss "im Finsteren bleiben". Derjenige, der bereits "sehen" kann, hat seine Aufgabe erfüllt und wird auf eine andere Schulungsebene versetzt.