Meister erkennen

Frohe Pfingsten - möge es so sein!

 

Und zur Feier des Tages eine Kommentarsammlung für den Taoisten. Auf seiner gestrigen Geburtstagsfeier beim Inder stellte er in dem illustren Kreis nach meinem Fortgang den Verbleibenden die von ihm immer wieder gerne diskutierte Frage: "Kann man einen Meister erkennen?"

 

Sehr geschickt von ihm, meinen Abgang abzuwarten. So konnte er - falls sie es denn tun würden - die Anwesenden voll in die Falle laufen lassen, ohne dass ich mit meinem Geplapper sein Vergnügen stören könnte.

 

Ich gebe die Frage erst einmal ohne Geplapper weiter...

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Kommentare: 3
  • #1

    Ruth Finder (Dienstag, 06 Juni 2017 19:30)

    Diese Frage lässt, denke ich, kein klares "Nein" oder "Ja" als eine einzige Antwort zu. Hier sind ein paar Überlegungen.

    Je nachdem was für ein Meister gemeint ist, könnte man auch unterschiedliche Antworten geben. Wenn ein hoher Meister gemeint ist, dann könnte man genauso gut fragen: "Kann man seine eigene entfernte Zukunft erkennen?" Ich denke nicht.
    Aber einen entwickelten Mitmenschen, der auf seinem Niveau ja auch ein Meister ist, könnte man durchaus erkennen, wenn man schon selbst einige Fortschritte gemacht hat und bewusster geworden ist. Also in der Analogie - man könnte seine nähere Zukunft erahnen, wenn man aufmerksam in der Gegenwart ist.
    Ich bin dabei von einem unmittelbaren Eindruck ohne irgendeinen Hinweis ausgegangen. Alles andere würde von den Vorstellungen, wie die Meister sein sollen/müssen/ja dürfen(!), überlagert. Und schon denkt man, dass man nicht nur den Meister erkannt hat, sondern ihn auch kennt.
    Und dann ergeht es einem wie in der folgenden Geschichte:

    Rabbi Levi Jizchak von Berditschew und sein Schüler Ahron waren auf einer Reise und gasteten unterwegs in Lisensk bei dem großen Rabbi Elimelech. Als der Berditschewer weiterfuhr, blieb sein Schüler in Lisensk, setzte sich in die "Klaus", das Bet- und Lehrhaus Rabbi Elimelechs, und lernte, ohne ihm etwas davon gesagt zu haben. Als der Zaddik am Abend hin kam, bemerkte er ihn. "Warum bist du nicht mit deinem Lehrer abgereist?" fragte er.
    "Meinen Rabbi", antwortete Ahron, "kenne ich schon, und so bin ich hier geblieben, um auch Euch kennenzulernen." Rabbi Elimelech trat dicht auf ihn zu und fasste ihn am Rock. "Deinen Rabbi meinst du zu kennen?" rief er, "du kennst noch nicht einmal seinen Rock!"

  • #2

    Maria (Dienstag, 06 Juni 2017 22:12)

    Schöne, kurze treffende Geschichte. Die meisten Meister sehen wir nicht, weil unser Kopf voller Vorstellungen und das Herz voller Wünsche ist :-).

    Meine Überlegungen gingen vielleicht in eine ähnliche Richtung wie bei R.F.

    Ich vermute, dass man Meister nur erkennen kann, wenn sie es zulassen, erkannt zu werden.
    Wenn es im jeweiligen Fall ein geschicktes Mittel ist, die Entwicklung eines Menschen zu begradigen oder zu beschleunigen.
    Und dann hängt der Grad des Erkennens vermutlich damit zusammen, wie weit man ähnlich gelagerte Fähigkeiten des Meisters schon entwickelt hat.
    Und ich vermute, dass das Erkennen ein inneres Erkennen ist, kein visuelles. Es ist eine Berührung, wenn es eine Stelle gibt, wo man berührbar ist, d.h. Verwechslung/ Identifikationen etc. zur Seite geräumt hat. Ein kurzes Aufglimmen einer Erkenntnis und Wahrnehmung, zu der man so noch nicht in der Lage wäre. Ein kurzes Gefühl von Heil-Sein, das einen Vorgeschmack auf das Kommende gibt.
    Und wahrscheinlich ist es auch möglich, als Akt der Gnade und Liebe einen Blick auf einen Meister zu erhaschen.
    Ich kann Michael verstehen mit der Frage, sie bewegt mich auch.

  • #3

    Hendrik (Mittwoch, 07 Juni 2017 13:26)

    Im Grunde ist alles schon richtig gesagt. Meine Überlegungen bündelten sich in einem Vergleich: Einen meisterlichen Flamencotänzer zu erkennen fordert beinahe selbst einen meisterlichen Flamencotänzer. Der untere Gegenpol ist jemand, der gerade eben weiß, was Flamenco ist. Er kann beim Tänzer die Flamencomusik identifizieren - und demzufolge "erkennen", dass der Tänzer ein Flamencotänzer ist. Ob er einen einigermaßen guten von einem mittelmäßigen oder meisterhaften Tänzer unterscheiden kann?

    Ein anderer, schon etwas mehr wissender Flamencofreund wird sich vielleicht alleine von der "richtigen" Kleidung blenden lassen. Dabei wird ein meisterlicher Flamencotänzer von einem anderen meisterlichen Tänzer wahrscheinlich auch in einem Kohlensack tanzend identifiziert... Und der wichtigste Punkt: Der Tänzer muss sich tanzend zeigen (wollen).

    Heimliches Beobachten? Denkbar. Auch Meister sind nicht ganz unfehlbar. Das wäre dann der von Maria angesprochene Gnadenakt - hier als göttliche Gnade. LIEßE sich der Meister "heimlich" beobachten, dann wäre es SEINE Gnade bzw. er wäre bewusster Kanal der göttlichen Gnade.

    Zur Verdeutlichung: Wahrscheinlich kennen die wenigsten sich mit dem japanischen No-Theater aus. Falls es überhaupt jemand hier kennt. Da kann man mal schauen:
    https://www.youtube.com/watch?v=lu5Vn1vQ5i4
    Vor diesen Erstinformationen und Eindrücken wäre es doch recht leicht gewesen, irgendwas zu behaupten und zu simulieren, oder? Dabei kommen auch die Vorstellungen und Erwartungen ins Spiel. Wie man sieht.