Werturteile?

Nach der Lektüre von Texten wie "Grade der spirituellen Entwicklung und Ausrichtung" aus "Kreisgedanken 2" (S. 133 ff.) sind die Leser manchmal unangenehm berührt. Sie fühlen sich vielleicht ausgegrenzt, denken, dass andere sich für etwas Besseres halten, oder haben den Eindruck, dass mit den Aussagen solcher Texte allgemeine Werturteile über verschiedene "Sorten" von Menschen abgegeben werden.

Leider muss man sagen, dass es für diese Annahmen gute Gründe gibt, denn oft genug geschieht in der Folge ähnlicher Abgrenzungen genau das. Die Alltagspersönlichkeit kann diese Gründe aber natürlich auch leicht instrumentalisieren, um Infragesellungen ihrer absoluten Integrität abzuwehren und sich so gar nicht erst auf die Inhalte der genannten Texte einlassen zu müssen.

Andererseits kann man gemäß dem Spruch "Dem Reinen ist alles rein, dem Gemeinen ist alles gemein" nicht umhin anzudeuten, dass ein Leser möglicherweise im Einzelfall auch die eigene Haltung in Texte hineinliest und sie dann gespiegelt bekommt - in der Regel bedauerlicherweise ohne die Selbstbezüglichkeit zu erkennen.

Machen wir mal ein paar Gedankenspiele. "Grade der spirituellen Entwicklung und Ausrichtung" unterscheidet grob zusammengefasst Außenstehende, Hörer, Volontäre, Aspiranten und verwirklichte Mitglieder der spirituellen Gemeinschaft. Ersetzen wir den spirituellen Kontext durch das Zimmermannshandwerk. Es gibt Außenstehende - die trotzdem durchaus mehr oder weniger gut mit Holz, Säge und Nagel umgehen können und auch beispielsweise mal in Eigenregie einen Holzschuppen für ihre Gartenwerkzeuge planen und errichten können. Dann gibt es Leute, die sich konkreter für das Zimmermannshandwerk interessieren. Sie lesen darüber, gehen zur Berufsberatung beim Arbeitsamt und machen möglicherweise sogar ein Praktikum bei einem Zimmermann. Weitere Schritte wären: sich um eine Lehrstelle zu bewerben, sich vorzustellen und Lehrling zu werden. Irgendwann kommt dann die Gesellenprüfung und noch später vielleicht der Meisterbrief. Wird jemand Lehrlingen, Gesellen oder Meistern Dünkel gegenüber der restlichen Menschheit unterstellen? In der Regel wohl nicht. Trotzdem wird man zur Errichtung eines dreistöckigen Holzhauses sicher lieber einen Meister dingen, als einen geschickten Laien. Man unterstellt dem Meister also eine gewisse Fachkompetenz.

Oder wie ist es, wenn jemand sagt: "Ich kann schwimmen - Wilhelm nicht!" Gibt derjenige ein allgemeines Werturteil ab? Oder benennt er nicht, wenn er nicht ein Lügner ist, schlicht ein Faktum? Wenn man mit einer Gruppe von Menschen in unbewohnter Landschaft unterwegs von A nach B ist, und dabei an einen Fluss kommt, der den Weg versperrt, dann ist der Schwimmer faktisch besser dran, als jeder Nichtschwimmer - Krokodile etc. jetzt mal außen vor gelassen. Man könnte nun humoristischerweise sagen, dass einer der Nichtschwimmer Zimmermann ist, und ein Boot bauen kann, das alle zusammen an das andere Ufer befördert. Toll! Stimmt! Aber was, wenn nur am anderen Ufer Bäume wachsen? :o) Dann wäre ein Zimmermann, der schwimmen kann, wieder eine kontextbezogen objektiv "wertvollere" Person, als viele andere. Ist er deshalb ein besserer Mensch?

Es bleibt Lesern von Texten wie den "Graden" letztlich nichts anderes übrig, als sich genauer mit dem Thema auseinanderzusetzen, wenn sie ein kompetentes Urteil abgeben wollen. Sie haben aber auch die absolute Freiheit, dies nicht zu tun. Dadurch werden sie nicht besser oder schlechter - nur in ihren Urteilen eben nicht sehr kompetent. Ein Nicht-Wollen muss einerseits nicht bemäntelt werden durch Unterstellungen, die aus einer Abwehrhaltung resultieren. Man kann doch einfach sagen, dass man sich nicht auf ein bestimmtes Thema einlassen möchte. Und man sollte andererseits auch aushalten können, wenn sich ein Außenstehender nicht für das eigene Herzensthema interessiert.

Offensichtlich tun sich die APs damit jedoch nicht so leicht. Eine AP möchte immer eine ganz tolle AP sein. Da ist es nicht leicht zu sagen: "Das Thema interessiert mich nicht - ich habe aber auch daraus resultierend wenig Ahnung davon." Genauso ungern erfährt sie, dass andere Menschen für sie bedeutsame Inhalte für uninteressant halten.

Andere können wir nicht umformen. Wir können aber beide im Grunde falschen Blickwinkel als uns selbst betreffend annehmen. An diesen Haltungen arbeiten. Und lernen, die Dinge auszuhalten, wie sie sind. Mancher kann schwimmen, mancher ist Zimmermann und mancher setzt sich mit spirituellen Fragen auseinander! Und auch unter den Zimmermännern, spirituell Interessierten und Schwimmern gibt es graduelle Unterschiede - die ich aber nur erkennen kann in dem Maß, wie ich genau, genauer und so genau wie möglich hinschaue. Nicht, indem ich Urteilskompetenz simuliere.

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