Thomas 2.99

(96) Jesus sprach: „Das Königreich des Vaters gleicht einer Frau. Sie nahm ein wenig Sauerteig, [verbarg] ihn im Teig und machte große Brote davon. Wer Ohren hat, möge hören.“

(97) Jesus sprach: „Das Königreich des [Vaters] gleicht einer Frau, die einen [Krug] voller Mehl trug. Während sie auf einem weiten Weg ging, brach der Henkel des Kruges, das Mehl rann hinter ihr auf den Weg. Sie bemerkte es nicht, sie hatte kein Unheil wahrgenommen. Als sie in ihr Haus kam, stellte sie den Krug nieder und fand ihn leer.“

 

(99) Die Jünger sprachen zu ihm: „Deine Brüder und deine Mutter stehen draußen.“
Er sprach zu ihnen: „Diese hier, die den Willen meines Vaters tun, diese sind meine Brüder und meine Mutter, sie sind es, die ins Königreich meines Vaters eingehen werden.“

(100) Sie zeigten Jesus eine Goldmünze und sprachen zu ihm: „Caesars Leute verlangen Steuern von uns.“
Er sprach zu ihnen: „Gebt, was Caesars ist, Caesar. Gebt, was Gottes ist, Gott. Und was mein ist, gebt mir.“

(101) Jesus sprach: „Wer seinen Vater nicht haßt und seine Mutter wie ich, kann nicht mein [Jünger] werden. Und wer [seinen Vater nicht] liebt und seine Mutter wie ich, kann nicht mein [Jünger] werden. Denn meine Mutter [...?], meine wahre Mutter aber gab mir das Leben.“

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Kommentare: 10
  • #1

    Ruth Finder (Mittwoch, 10 Mai 2017 19:38)

    zu 96) Mit dem wahren Glauben als der treibenden Kraft (dem Sauerteig), auch wenn er noch so klein ist ("wenig Sauerteig" - vgl. Senfkorn), mit dem daraus erwachsenen stetigen inneren Fortschritt (der Teig "arbeitet", durchläuft verschiedene Prozesse, wird fürs Brotbacken geeignet) und mit der damit verbundenen Weg-Arbeit (den Teig kneten und das Brotbacken) wird auch das sichtbare Tun in allen drei Bereichen der Entwicklung bemerkbar (große Brote).

  • #2

    Ruth Finder (Mittwoch, 10 Mai 2017 20:42)

    zu 100) Die "Goldmünze" steht für den Menschen. "Caesar" ist die Welt der Trennung. "Caesars Leute" sind die drei Körper (AP), unsere Umwelt. Sie wollen über uns Macht ausüben und bestimmen. Wir sollen die materiellen Anteile unserer Existenz in der Welt akzeptieren, aber ihnen nur so weit gewähren ("dem Caesar das Seine geben"), dass sie uns und unseren höheren Zielen dienen. Wir sollen uns auf unseren göttlichen Ursprung besinnen und uns Gott darbieten. Wir sollen der Lehre, dem Wort, der Botschaft (Jesus) folgen.

  • #3

    Jonas (Donnerstag, 11 Mai 2017 07:47)

    Zu 97) Den "weiten Weg", den die Frau zurücklegt, könnte man als Bild für die vielen Inkarnationszyklen sehen, die wir durchlaufen müssen, bis wir schließlich in unser "Haus" zurückkehren, der Ort, von dem wir ursprünglich aufgebrochen sind, eine Rückkehr zu uns selbst.
    Unsere Entwicklung in den Welten der Trennung, symbolisiert über das Mehl, das wir konstant verlieren, geschieht unbemerkt und stetig. Entwicklungsmäßiger Rückschritt ist nicht möglich, das Mehl läuft nur aus auf den Weg, nicht wieder zurück in den Krug. Lediglich ein zeitweises Stocken des Mehlauslaufes ist möglich, wenn wir beispielsweise auf dem Weg stehenbleiben.
    Wenn wir nach Hause kommen, also wieder eins mit uns sind, wird uns im Erkennen des leeren Kruges schlagartig bewusst, welche Entwicklung wir schon hinter uns gebracht haben. Diese unmittelbare Erkenntnis könnte man auch als Heben des Schleier des Todes/ des Vergessens interpretieren.

  • #4

    Maria (Donnerstag, 11 Mai 2017 21:44)

    zu 99) Dies könnte darauf verweisen, dass das Entscheidende auf unserem Weg nicht unsere Herkunft ist, sondern wo wir hinwollen. Sinnbildlich steht die karmische Herkunftsfamilie für den Punkt, von wo aus wir uns in diesem Leben (her)aus entwickeln müssen. Es heißt nicht, diese Familie gering zu achten und sie schlecht zu behandeln, aber sich bewusst zu sein und zu entscheiden, wo man wirklich hingehört, wem und was man sich wirklich innerlich verpflichtet fühlt. Bindung an die materielle Ebene in jeder Form verlängert unseren Befreiungsweg wesentlich. Die Antwort Jesu' verweist auf Ausrichtung, Entscheidung und dem kontinuierlichen Folgen der Ausrichtung, bis wir unser Ziel erreicht haben. Das Königreich: Die Rückkehr zu Gott bei vollem Bewusstsein, Einssein ohne Trennung, das Ende der schmerzhaft erlebten Trennung. Die wahren Brüder sind unsere spirituellen Weggefährten, die kontinuierlichen wie wir an ihrer Befreiung arbeiten (den Willen des Vaters tun). Das sind wir. Und Jesus macht an seinem Beispiel auch deutlich, dass er nie getrennt vom Vater ist. Wie wir auch, nur mit dem Unterschied, dass wir diese Verbindung auf unserem Weg wiederfinden müssen. Habt Ihr eine Idee, was mit der wahren Mutter gemeint ist - oder steht sie synonym für die Brüder?

  • #5

    Ruth Finder (Freitag, 12 Mai 2017 04:19)

    zu 101) Wer nicht gegen seine verkehrte Welt aufbegehrt, kann nicht befreit werden, denn er ist in ihr gefangen. Und wer nicht jene wahre Welt begehrt, kann nicht befreit werden. Aber nur durch Einkehr (Umkehr) in diese Welt kann er lebendig sein.

  • #6

    Jonas (Freitag, 12 Mai 2017 07:48)

    zur Frage in 99) #4: Das explizite Anführen der Brüder UND der Mutter in Jesu´ Vergleich ergibt sich einmal rein formal betrachtet aus der Eingangsaussage, dass eben seine (realen) Brüder und seine Mutter draußen sind und diese Aussage (in Form eines Stilmittels) genau wiederholt wird. Das gibt dem Ganzen mehr Nachdruck.
    Inhaltlich betrachtet klingt bei der Mutter meines Erachtens auch ein Hinweis auf unsere gemeinsame Herkunft mit, so wie jeder eine Mutter hat wir sind alle als Geschöpf Gottes aus ihm hervorgegangen.
    Weiters wird durch das Anführen der Mutter auch das weibliche Element in die Aussage eingebunden, das Erreichen des Königreiches ist für Männer UND Frauen in gleicher Weise möglich.
    Zuletzt könnte man die Brüder als Bild für die logoische Einheit aller Menschen in Jesus sehen und die Mutter als Sinnbild für den hl. Geist.

  • #7

    Hendrik (Freitag, 12 Mai 2017 10:07)

    zu 101) Man kann dieses Logion auch so verstehen, dass Jesus mit beiden Aussagen die selben Eltern meint. Dass es an seinen Eltern sowohl Anteile hasst als auch Anteile liebt, und dass diese Haltung und Unterscheidung auch für seine Jünger zwingend ist - weil sie eben sonst nicht seine Jünger wären.

    Man kann beispielsweise die Verwicklung von Personen in die Welt, ihr Nicht-Wissen-Wollen, ihre Identifikation mit der AP usw. usf. "hassen" - gleichzeitig aber ihren spirituellen Wesenskern, ihre göttliche Natur, ihr Potential und letztliches Seinsziel lieben.

    Die "wahre" Mutter, lässt sich so auch direkt als HS der Mutter im Gegensatz zur AP der Mutter verstehen. Das HS ist ja selbst in einer AP-identifizierten Form neben dem Potential etc. auch Inhaber gewisser göttlicher Vollmachten und Fähigkeiten. So mag das Zeugen und speziell Austragen eines Kindes neben allen egoistischen und gedankenlosen Motiven in wesentlichen Anteilen auch aktive Schöpfung sein. Das hat schon was Wahres.

  • #8

    Hendrik (Freitag, 12 Mai 2017 10:18)

    zu 97) # 3 Die sehr schlüssige Deutung von Jonas als kompletten Weg zur Erleuchtung wollte ich noch durch eine Sicht bezogen auf ein einzelnes Leben ergänzen und habe daran einen ganzen Tag herumgefeilt. Gescheitert bin ich letztlich am Eingangssatz - dass nämlich all dies dem Königreich des Vaters gleichen solle. Da wollte einfach kein Schuh draus werden, auch keine Sandale und kein Stiefel. Nicht einmal eine Schwimmflosse...

  • #9

    Ruth Finder (Freitag, 12 Mai 2017 13:32)

    zu 97) #8 Versuch einer Erklärung: Nach Ludwig: "So (...) nähert (...) der großen Gemeinschaft an. Vergiss nicht, das Spektakulärste zeigt sich ganz unspektakulär. Es zeigt sich die ganze Zeit." Also die Verwandlung (das Königreich des Vaters) findet sukzessive in jedem Leben statt (das unbemerkte Rieseln des Mehls). Jeder im jedem Leben (Inkarnation) macht am Ende Fortschritte und dementsprechend erreicht ein Ziel (der Krug ist leer).

  • #10

    Ruth Finder (Freitag, 12 Mai 2017 13:34)

    zu 101) Ich finde Hendriks Deutung sehr gut. Hab auch einen Ansatz gehabt, der das Ganze auf eine Sache bezieht, aber wie folgt:
    Wer blind dem Glauben folgt, wird die Wahrheit nicht finden. Und wer glaubt, aber die Inspiration und Zugewandheit vermissen lässt, ebenso nicht. Das Erste führt in die Irre. Aber der wahre Glaube führt zum Ziel.