Thomas 2.97

(86) Jesus sprach: „[Die Füchse haben ihre Höhlen] und die Vögel haben ihre Nester. Der Sohn des Menschen aber hat keinen Ort, um sein Haupt hinzulegen und sich auszuruhen.“

(87) Jesus sprach: „Elend ist der Leib, der von einem Leibe abhängt; und elend ist die Seele, die abhängt von diesen beiden.“

(88) Jesus sprach: „Die Engel und die Propheten werden zu euch kommen, und sie werden euch geben, was euer ist. Und auch ihr, was in euren Händen ist, gebt es ihnen und sagt euch: Wann werden sie kommen und das ihre empfangen?“

(89) Jesus sprach: „Warum wascht ihr das Äußere des Bechers? Versteht ihr nicht, daß der, der das Innere gemacht hat, auch der ist, der das Äußere gemacht hat?“

(90) Jesus sprach: „Kommt zu mir, denn leicht ist mein Joch und meine Herrschaft ist mild, und ihr werdet Ruhe für euch finden.“

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Kommentare: 9
  • #1

    Hendrik (Montag, 08 Mai 2017 10:23)

    zu 89) Mir fallen hier zwei verschiedene Richtungen auf. Die eine Blickrichtung sagt: "Was wascht ihr das Äußere, wascht lieber das Innere!"
    Die andere lässt sich enger an den Worten deuten: "Wenn das Innere vom Höchsten geschaffen ist wie es ist - auch wenn es in gutem oder schlechtem Zustand ist - dann ist auch das Äußere so anzunehmen, ohne daran herumzukaschieren."

  • #2

    Jonas (Montag, 08 Mai 2017 10:49)

    in 87) kritisiert Jesus diejenigen, die an körperlich - materielle Begierden ("ein Leib, der von einem anderen abhängt") gebunden sind. Es sind Hyliker, die die Erfüllung ihrer animalischen Bedürfnisse zum zentralen Inhalt ihres Lebens erhoben haben. Auch ihre Gedanken und Emotionen gehen fast ausschließlich in diese Richtung ("die elende, vom Leib abhängige Seele").

    Beim "Leib, der vom anderen abhängt", klingt auch das nutzenorientierte Abhängigkeitsverhältnis in Beziehungen mit, wo der Partner nur solange akzeptiert wird, als die eigenen Egobedürfnisse von ihm in ausreichendem Umfang befriedigt werden.

  • #3

    Ruth Finder (Montag, 08 Mai 2017 13:58)

    zu 90) "Leicht" könnte Freiheit bedeuten, die uns Jesus mit seiner Lehre gibt. "Joch" und "Herrschaft" ist es im gewissen Sinne auch, weil wir die Entscheidungen trotzdem TREFFEN müssen, was oft schwierig ist. Aber nur als Freie und nicht als Sklaven unseres Egos können wir dauerhaft im HS ruhen.

  • #4

    Ruth Finder (Montag, 08 Mai 2017 14:00)

    zu 87) Hier könnte das Unterbewusste - das Bewusste - das Überbewusste in uns gemeint sein. Wenn unser alltägliches Bewusstsein (Fühlen, Denken, daraus resultierendes Handeln) vom Unbewussten (Automatismen, Konditionen, eingefahrenen Mustern, Vorurteilen usw.) bestimmt und beherrscht ist, dann kommt unser Überwusstsein (die Stimme des HS/das höhere Bewusstsein) nicht zur Geltung.

    Wenn unser Jetzt von der Vergangenheit abhängt, haben wir keine Zukunft.

  • #5

    Ruth Finder (Montag, 08 Mai 2017 14:58)

    zu 89) Ist das nicht eher so, dass wir es sind, die das Innere dualistisch erschaffen, und das Höchste "nur" das "Material" und Bedingungen dazu bereit stellt, die weder gut noch schlecht sind?
    Ansonsten könnte man sich hier auch Folgendes vorstellen: Gott hat Sinn/Geist und ihn umschließende, zu seinem Erkennen notwendige sichtbare Materie/Form geschaffen. Den inneren Raum des Bechers (den Sinn der Lehre) muss man füllen (erfüllen), und nicht das leere Gefäß (die Lehre als Form) immer wieder aufpolieren.

  • #6

    Maria (Montag, 08 Mai 2017 18:30)

    zu (86): Jesus sprach: „[Die Füchse haben ihre Höhlen] und die Vögel haben ihre Nester. Der Sohn des Menschen aber hat keinen Ort, um sein Haupt hinzulegen und sich auszuruhen.“

    Bezieht man den „Sohn des Menschen“ auf Jesus, könnte es bedeuten, dass Jesus überall für uns greifbar ist. Er ist nicht an einen Ort, an eine Form oder einen einzigen Weg gebunden.
    Er ist das Vorbild und Sinnbild für uns, sich über die tierische Natur (animalische Ebene) zu erheben und den breiten Weg (leidvollen karmischen Weg) durch Wegarbeit zu überwinden, um uns zu befreien. Und das je nach individueller Disposition und Möglichkeit.
    Er ruht nicht, bis wir alle seinen Ruf hören und ihm nachfolgen. Und so sollen wir uns auch nicht auf unseren aktuellen Gegebenheiten ausruhen, egal wie angenehm oder schwer sie uns erscheinen, sondern uns bemühen, wach zu werden und ihm nachzufolgen.
    Es impliziert die Freiheit, die wir haben, uns über unser jeweiliges "Schicksal" immer wieder erheben und selbst befreien zu können.

  • #7

    Maria (Montag, 08 Mai 2017 18:47)

    zu (90): Jesus sprach: „Kommt zu mir, denn leicht ist mein Joch und meine Herrschaft ist mild, und ihr werdet Ruhe für euch finden.“

    Eine Einladung Jesu, ihm nachzufolgen, da er weiß, dass das Joch, das wir bis zu unserer Befreiung tragen, wesentlich schwerer und qualvoller ist. Er bietet uns Führung und Orientierung an, da er weiß, dass diese im ersten Schritt erforderlich ist für unsere Befreiung. Wir unterstellen uns Gottes Willen und geben unseren Eigenwillen, die egoistisch geprägten Existenz der Alltagspersönlichkeit auf, die uns kontinuierlich Leid bringen. Milde und Ruhe sind wunderbare Ziele, Balsam für gequälte Wesen, wenn man bis dahin unter dem Joch der karmischen Verwerfungen ächzt, aber schon auf der Suche nach einem Ausweg ist.

  • #8

    Ruth Finder (Montag, 08 Mai 2017 23:01)

    zu 86) Ich möchte für die Deutung zwei chassidischen Geschichten verwenden.

    "[Die Füchse haben ihre Höhlen] und die Vögel haben ihre Nester."
    Rabbi Menachem Mendel von Witebsk sprach: "Ich weiß nicht, worin ich besser wäre als ein Wurm. Ich weiß nicht, dass ich so gut wäre wie er. Seht doch, er tut den Willen seines Schöpfers und verdirbt nichts."

    "Der Sohn des Menschen* aber hat keinen Ort, um sein Haupt hinzulegen und sich auszuruhen.“ (*Jesus als fleischgewordenes "Wort Gottes", als Verkünder der Wahrheit).
    Der Baalschem sprach: "Was bedeutet das, was die Leute sagen: 'Die Wahrheit geht über die ganze Welt?' Es bedeutet, dass sie von Ort zu Ort verstoßen wird und weiterwandern muss."

  • #9

    Ruth Gabriel (Dienstag, 09 Mai 2017 15:17)

    Zu Spruch 88:
    Sie werden uns geben, was unser ist: die Erkenntnis dessen, was wir sind. Zugang zum HS.
    Wir werden ihnen geben, was in unseren Händen ist: Bewusstheit, Bewusstsein, Verwirklichung.