Familie

Rabbi Jakov ben Katz hatte zwei Schüler, die Umkehr anstrebten. Aber die beiden wirkten sehr unterschiedlich nach außen. Wenn ihr Lehrer sie auf die Fehler hingewiesen hatte, reagierte der Eine darauf aufmerksam, ruhig und besonnen, der Andere war sehr verunsichert und grübelte viel danach. Wenn der Rabbi den beiden eine Aufgabe auferlegt hatte, erledigte der Erste diese überlegt, beherzt und selbständig, der Zweite schaute verlegen und traute sich nicht so richtig, ehe er anfing. Wenn der Zaddik seine Schüler bei der Auslegung der Schriften hören wollte, beteiligte sich der Erstere mit kühnen Gedanken, der Zweite hielt es für vermessen und erlaubte sich nicht, mit dem Rabbi zu disputieren.


Vom Rabbi auf sein zögerliches und unscheinbares Auftreten angesprochen, fühlte er sich von seinem Lehrer verkannt und gab verdrießlich zu Antwort: "Rabbi, seht Ihr nicht, dass Demut und Ehrfurcht mich leiten, so wie Ihr uns das lehrt! Aber mein Mitschüler! Der ist doch so hochmutig und selbstsicher, als ob er nicht Euch, nicht mich noch die ganze Welt braucht!"


Der Zaddik sagte zu ihm: "So wie du dich gibst und handelst, bist du ein Stiefkind, aber der Andere hat leibliche Eltern."


"Was redet Ihr!? Ihr kennt doch meine Verwandschaft."


"Ich meinte - die Eltern im Geiste", erwiderte der Rabbi Jakov. "Falsche Demut ist wie eine böse Stiefmutter, die mit ihren Stiefkindern nie zufrieden ist - so auch mit dir. Und ständiger Angstzustand ist dein Stiefvater, der dich antreibt. Aber die wahre Demut des Anderen ist seine richtige Mutter und der Gedanke der vertrauensvollen Liebe ist sein geistiger Vater!"


(Ruth Finder)

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