Thomas 2.92

(56) Jesus sprach: „Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden; und wer einen Leichnam gefunden hat, ist der Welt überlegen.“

(57) Jesus sprach: „Das Königreich des Vaters gleicht einem Menschen, der eine gute Saat hatte. Sein Feind kam des nachts und säte Unkraut unter die gute Saat. Der Mensch erlaubte ihnen nicht, das Unkraut auszureißen. Er sprach zu ihnen: Damit ihr nicht geht, das Unkraut auszureißen, und den Weizen mit ihm ausreißt. Denn am Tag der Ernte wird das Unkraut sichtbar werden, und es wird ausgerissen und verbrannt werden.“

(58) Jesus sprach: „Selig der Mensch, der gelitten hat, er hat das Leben gefunden.“

(59) Jesus sprach: „Gebt acht auf den Lebendigen, solange ihr lebt, damit ihr nicht sterbt und versucht, ihn zu sehen, und nicht werdet sehen können.“

(60) Sie sahen einen Samariter, der ein Lamm trug auf dem Weg nach Judäa.
Er sprach zu seinen Jüngern: „Der Mann ist um das Lamm.“
Sie sprachen zu ihm: „Damit er es schlachte und esse.“
Er sprach zu ihnen: „Solange es lebt, wird er es nicht essen, sondern nur, wenn er es geschlachtet hat und es ein Leichnam geworden ist.“
Sie sprachen: „Anders kann er es nicht tun.“
Er sprach zu ihnen: „Auch ihr, sucht einen Ort für euch zur Ruhe, damit ihr nicht ein Leichnam werdet und gegessen.“

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Kommentare: 9
  • #1

    Hendrik (Samstag, 29 April 2017 11:25)

    zu 59) Hier gibt Jesus der Inkarnation auf der grobstofflichen Ebene als Haupt-Schulungsbereich den Vorzug vor der Existenz in den Schalenhimmeln und -höllen im "nachtodlichen" Zustand.

  • #2

    Ruth Finder (Samstag, 29 April 2017 18:52)

    zu 56) "Jesus sprach: „Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden; und wer einen Leichnam gefunden hat, ist der Welt überlegen.“

    Ich habe ein wenig mit den Buchstaben gespielt und dabei ist folgendes entstanden:

    "Alles ist Eiter und naschen vom Wirt!" (vergleiche: "Alles ist eitel und haschen nach Wind!") Wer das erkannt hat, dem ist "Alles heiter und lauschen nach Ihm!"

  • #3

    Ruth Finder (Samstag, 29 April 2017 21:03)

    zu 58) Hier könnte ein ABSICHTLICHES Leiden (dieser Ausdruck kommt von Gurdjieff) gemeint sein. Man stellt sich unangenehmen Fragen, die die drei Säulen der spirituellen Entwicklung betreffen. Man bekommt ehrliche und oft unerfreuliche Antworten dazu und akzeptiert sie. Man fängt mit der Weg-Arbeit an, was nicht immer einfach und zuweilen richtig schwer ist. Dabei findet man zu einem neuen wahren Leben.
    Man könnte das mit Fasten (Fasten ist kein erzwungenes Hungern, sondern eine bewusste Entscheidung) vergleichen: Am Anfang leidet man, aber dann ist man wie neu geboren.

  • #4

    Ruth Finder (Sonntag, 30 April 2017 12:16)

    zu 57) Dieser Spruch lässt einige Interpretationen zu.

    Es könnte hier z.B. darum gehen, wie wir die Dinge tun, wie wir an sie heran gehen. Somit wird hier ein Mensch beschrieben, der Geduld, Erkenntnisgabe, Unterscheidungsvermögen und daraus resultierendes entschlossenes Handeln hat. Die Aufgaben und Herausforderungen, denen er gegenübersteht, verwirft er nicht gleich, wenn er Schwierigkeiten bekommt. Er stellt sich diesen Herausforderungen, damit er "Weizen von Spreu trennen kann". Denn leichtfertiges und frühzeitiges Aufgeben lässt auch das Gute, das darin steckt, sich nicht verwirklichen.

    Nehmen wir Meditation. Wir haben die Fähigkeit zu meditieren, aber zugleich am Anfang und im Verlauf auch große Widerstände dagegen. Wenn wir dann ungeduldig sind, uns keine Zeit geben, unsere Stärken und Schwächen zu erkennen und das Positive vom Negativen in unserer Meditationpraxis zu unterscheiden, praktizieren wir nur halbherzig oder hören ganz auf, ohne den Nutzen für uns daraus zu ziehen. Wir sollen der AP wegen ein paar Schwierigkeiten nicht erlauben, das Gute im Keim zu ersticken. Wenn wir weiter üben, werden wir später in der Lage sein, das Hinderliche vom Nützlichen klar zu unterscheiden und uns vom Unnützen zu trennen.

  • #5

    Ruth Finder (Montag, 01 Mai 2017 12:09)

    zu 60) Vielleicht so: "Der Mann um das Lamm", die Welt über die Welt, der Mensch mit dem göttlichen Funken innen, das Rad um das Pünktchen - alle beschreiben das gleiche: AP und HS. Die Samariter wurden damals gering geschätzt und man hatte gegen sie Vorbehalte, dass sie Gottes nicht würdig seien. Deswegen haben die Jünger dem Mann/dem Menschen allgemein böse Absichten unterstellt und ihn auf dem falschen geistigen Weg gesehen, ohne Hoffnung auf das gute Ende ("Er wird es schlachten und essen", "Es kann es nicht anders tun"). Jesus aber sah (Gott tut das immer!) das Gute im Menschen: Solange wir an uns arbeiten (das Lamm behutsam tragen), bleiben WIR (!) lebendig, denn das Lamm symbolisiert unsere wahre Natur. Wenn die animalische Ebene/das Ego siegt, dann haben wir keinen Zugang zu HS ("es wird geschlachtet und ein Leichnam", "es wird gegessen"). Somit rät er seinen Jüngern den Zugang zu ihrem Wesenskern ("ein Ort zur Ruhe") suchen, ausbauen, bewahren, stärken, damit sie lebendig bleiben.

  • #6

    Maria (Montag, 01 Mai 2017 17:30)

    zu (56): Jesus sprach: „Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden; und wer einen Leichnam gefunden hat, ist der Welt überlegen.“

    Wer die Schau erlangt, erkennt, dass die uns zuerst zugängliche Welt (materielle Ebene/ Körper, Alltagspersönlichkeit, die Welt als Ergebnis der eigenen Projektion, falsche Sicht) nicht das wahre Leben ist. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes tot (wenn das die einzige Welt ist). Wer das erkannt hat (die Illusion erkannt, die Identifikation mit der AP/ Projektionen hinter sich lassen kann, den Leichnam gefunden hat), hat die Voraussetzung zu wahrem Leben, zur Auferstehung. Er/ Sie hat erst durch die eigene Transformation der Sicht, das Erkennen der Verwechslung und Abstand gewinnen die Möglichkeit zur Befreiung von dieser Welt.

  • #7

    Hendrik (Montag, 01 Mai 2017 18:18)

    zu 60) Jesus und die Jünger klassifizieren das Verhältnis des Mannes zum Lamm als für das Lamm destruktiv und nur scheinbar und temporär fürsorglich. Der Mann will etwas von dem Lamm - es verspeisen. Würde er es an einem Huf hinter sich herziehen oder mit Tritten vor sich hertreiben, würde es zu früh sterben und auf dem Wege verderben. Also trägt er es scheinbar besorgt.

    So sind auch viele zwischenmenschliche Beziehungen. Sie sind auf bestimmte egoistische Ziele hin ausgerichtet und letztlich gehen die Egos auch hier über Leichen, auch wenn sie vorher nett scheinen und "Knöpfchen drücken", damit der andere tut, was sie wollen. Tut der andere letztlich nicht, was gewünscht wird, können leicht Wut und Hass bis zur Destruktion entstehen.

    Vor dieser Art Beziehungen warnt Jesus und empfiehlt den Jüngern, sich einen Ort der Ruhe zu suchen - möglichst weitreichenden Umgang mit anderen spirituell orientierten Menschen (Pneumatikern), denn dort herrscht nach PhilEv 87 Ruhe, weil sie "die Schau haben".

  • #8

    Hendrik (Montag, 01 Mai 2017 18:27)

    zu 57) Hier lässt sich - wenn auch zu hundertprozentig ausgedrückt - herauslesen, dass man die AP und ihre (Elemental-)Saat nicht zu hart angehen soll, da sonst die gute (Elemental-)Saat des schon in der AP positiv verwirklichten HS unter Umständen mit zerstört wird. Es ginge dann um das zeitweise Flauschighalten der AP.

    Dann kommt - und hier ist es wieder sehr hundertprozentig dargestellt - aber auch ein Zeitpunkt, da die negative Elementalsaat so deutlich erkennbar wird, dass sie herausgerissen und verbrannt wird, während aus der guten Saat eine Ernte für ein neues Ausbringen als Samen vollzogen wird.

  • #9

    Ruth Finder (Montag, 01 Mai 2017 21:06)

    Ich finde, dass der folgende Beitrag von Hendrik zu Logion 57 auch passt.

    Weg-Arbeit - 26. Februar 2016
    In unserem Tun und Sein immer nach einem absoluten Optimum zu streben und zu suchen, nimmt das Spielerische aus dem Lernprozess und kann unentschlossen, bitter und kalt machen. Finden wir uns mit graduell egoistischen Bestandteilen ab, mit fehlerhaften Anteilen. Bemerken wir sie und lernen wir sie auszuhalten und zu erkennen. Dann machen wir es beim nächsten Mal spielerisch leicht besser. Irgendwann tanzen wir dann wie die Meister frei gegen uns selbst von Tat zu Tat.
    (aus einem Brief)