Thomas 2.2

(7) Jesus sprach: „Selig ist der Löwe, den der Mensch ißt, und der Löwe wird Mensch werden. Und verflucht sei der Mensch, den der Löwe frißt, und der Löwe wird Mensch werden.“

(8) Und er sprach: „Der Mensch gleicht einem weisen Fischer, der sein Netz ins Meer warf. Er zog es aus dem Meer voll von kleinen Fischen; unter ihnen fand er einen großen, schönen Fisch, der weise Fischer. Er warf alle kleinen Fische zurück ins Meer und wählte den großen Fisch ohne Bedenken. Wer Ohren hat zu hören, möge hören!“

(9) Jesus sprach: „Siehe, da ging ein Sämann hinaus, füllte seine Hand und warf [die Samen]. Ein Teil davon fiel auf den Weg, die Vögel kamen, sie aufzusammeln. Andere fielen auf den Felsen, und sie schlugen keine Wurzeln in der Erde und brachten keine Ähren hervor zum Himmel. Und andere fielen auf die Dornen, sie erstickten die Saat, und der Wurm fraß sie. Und andere fielen auf die gute Erde, und sie brachte gute Frucht hervor; sie brachte sechzig Maß und hundertzwanzig Maß.“

(10) Jesus sprach: „Ich habe ein Feuer auf die Welt geworfen, und siehe, ich bewache es, bis es brennt.“

 

(12) Die Jünger sprachen zu Jesus: „Wir wissen, daß du uns verlassen wirst. Wer ist es, der groß über uns werden soll?“
Jesus sprach zu ihnen: „Wo auch immer ihr herkommt, geht zu Jakobus, dem Gerechten, dessentwegen Himmel und Erde entstanden sind.“

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Kommentare: 8
  • #1

    Hendrik (Samstag, 15 April 2017 16:50)

    Zu 8) Wenn man das Wasser als Sinnbild für den psychonoetischen Bereich nimmt, dann sind die Fische die darin sich bewegenden Ausprägungen/Gedanken- und Gefühlsformen. Dem weisen Fischer sind viele davon zugänglich, aber er konzentriert sich auf den größtmöglichen, dessen er habhaft werden kann und baut ihn ohne Bedenken zu Ausrichtungszwecken in seine AP ein. Er nimmt ihn als größtmögliche Arbeitshypothese und ignoriert alle kleingeistigeren Modelle, ohne auszuschließen, dass er einmal einen größeren Fisch erwischen wird und nicht ohne zu erkennen, dass ein vielleicht für ihn kleiner Fisch, für einen anderen relativ weisen Fischer ein großer sein mag. Ein unkluger Fischer wird sich wahllos aller Fische bedienen und dabei seine AP orientierungslos machen - und mit Kleinkram belastet.

    Heutzutage wäre das Logion darüber hinaus auch als Beispiel eines schonenden Umgangs mit den Ressourcen der Welt zu lesen.

  • #2

    Jonas (Samstag, 15 April 2017 20:21)

    zu 10) Das Bild des Feuers drückt die Verwandlung/Umwandlung aus. Wir sollen durch die Lehre des Nazareners unsere Persönlichkeit umgestalten, unsere AP verwandeln. Wir sind behütet und beschützt, bis es in uns zu brennen beginnt, bis dieser Prozess in Gang gekommen ist. Wenn das Feuer wieder erlischt, sind wir vollkommen verwandelt, sind in der Auferstehung.

  • #3

    Jonas (Samstag, 15 April 2017 20:39)

    zu 7) Meines Erachtens kann man den Löwen, Sinnbild der Kraft, Wildheit, Stärke, hier als animalische Ebene interpretieren, die im ersten Fall vom Menschen bezwungen/kontrolliert wird, also wo der Löwe vom Menschen "gefressen" wird. So wird das Animalische (der Löwe) zum Menschen, dem Menschen untertan. Selig derjenige, der das vollbracht hat.
    Lässt sich der Mensch aber umgekehrt von der animalischen Ebene beherrschen oder überwältigen, so wird er zum Tier, also vom Löwen gefressen. Mit den nicht so guten karmischen Folgen.

    zu 8) Neben der tiefgehenden Interpretation von Hendrik hätte ich in dem Spruch noch die Ähnlichkeit zu den vielen Gleichnissen mit dem Königreich der Himmel erkannt, wie etwa die Gleichnisse mit der Perle, wo der Händler für die eine, schönste Perle alle anderen Dinge verkauft, nur um diese zu erwerben. Wenn man einmal den Weg/die Wahrheit (die Perle, den Schatz im Acker, den großen Fisch) erkannt hat, werden alle anderen Dinge unwichtig und man lässt sie los.

  • #4

    Hendrik (Sonntag, 16 April 2017)

    Zu 12) Klar, da denkt man erst einmal: "Ja toll! Und wenn Jakobus der Gerechte schon seit 1960 Jahren tot ist?" Ich meine, man muss hier nur Jakobus streichen:

    Die Jünger sprachen zu Jesus: „Wir wissen, daß du uns verlassen wirst. Wer ist es, der groß über uns werden soll?“
    Jesus sprach zu ihnen: „Wo auch immer ihr herkommt, geht zu dem Gerechten, dessentwegen Himmel und Erde entstanden sind.“

    Übersetzt: "Geht zu dem Gerechtestmöglichen, den ihr finden könnt und lasst Euch auch mal etwas Unbequemes sagen!"

    Und am Ende noch dieses schöne und wahre Bild: "Wegen des Gerechten sind Himmel und Erde entstanden."
    Genauer: "Um Gerechte hervorzubringen sind die Trennungswelten geschaffen worden."
    Noch genauer: "Um letztlich alle zu Gerechten werden zu lassen sind die Trennungswelten geschaffen worden."

  • #5

    Hendrik (Sonntag, 16 April 2017 13:23)

    Zu 9) Eine bekannte Geschichte. Kurz: Für uns als Samen (Sämann=Gott) gibt es förderliche und weniger förderliche Umstände. Sind die Umstände förderlich, so sollte auch Frucht hervorgebracht werden - auch wenn es da durchaus legitime individuelle Unterschiede geben mag (sechzig Maß und hundertzwanzig Maß). Dankbarkeit und Nutzen der Gelegenheit sind angezeigt.

    Andere Lesart: Dieser Sämann (ein Mensch in den Trennungswelten) hat noch deutlich Spielraum zum Ausbau seiner Geschicktheit der Mittel. Gänzlich frei von Rahmenbedingungen wird aber wohl nur der Vollendete sein. Und das auch nur so weit, dass er sich unhaltbaren Rahmenbedingungen zu entziehen weiß.

  • #6

    Der Kreis (Sonntag, 16 April 2017 13:33)

    Zu 7) hatten wir im Blog am 18. April 2016 schon einmal einen Beitrag nebst Deutungen:

    Thomas der Zwilling schreibt in seinem Evangelium im Logion sieben in der Häretikerbibel: Jesus sagte: "Selig ist der Löwe, dieser, den der Mensch fressen wird. Und der Löwe wird Mensch werden. Und verabscheuungswürdig ist der Mensch, dieser, den der Löwe fressen wird. Und der Löwe wird Mensch werden."

    Ruth Gabriel sprach mich gestern darauf an und lieferte dazu eine elegante Deutung, nachdem ich darauf verwies, dass dieses Logion von vielen Lesern als eines der dunklen empfunden wird. Zum Schärfen der Geistesklingen stelle ich Ruth Gabriels Deutung mal erst später in die Kommentare. Falls jemand seine eigenen Geistesblitze noch reinstellen möchte.

    Kommentare: 5

    • #1
    Ruth Finder (Montag, 18 April 2016 12:26)
    Ich habe zwei Deutungen. In der Ersten bedeuten verschiedene Aussagen das Gleiche, sind synonym. In der zweiten Deutung allerdings sind die beiden Aussagen "Und der Löwe wird Mensch werden" Homonyme.
    1) So oder so - wir werden am Ende erlöst. (Zugegeben, ist ein bisschen unpräzise)
    2) Wenn ich das Animalische (den Löwen) in mir besiege (fresse), wird es zum wahren,
    kosmischen Menschen.
    Wenn das Animalische obsiegt, wird es einen "herkömmlichen", fehlerhaften, irdischen
    Menschen präsentieren.

    • #2
    Bruder Jonas (Montag, 18 April 2016 18:44)
    Hallo Ruth Finder! Ich komme zum gleichen Bild wie Du.
    In 1) hast Du das Ergebnis (Erlösung) von den beiden Aussagen in 2) (Selbstmodifikation/Weg-Arbeit versus Karmaweg/Verwechslung) dargestellt. Bin schon
    gespannt auf Ruth Gabriels Deutung.

    • #3
    Ruth Gabriel via Hendrik (Montag, 18 April 2016 19:06)
    Ruth schreibt: "Ich habe das als die beiden Wege der Menschwerdung (Und der Löwe wird Mensch werden) gedeutet. Das erste (Selig ist der Löwe, dieser, den der Mensch fressen wird.) ist der Weg der Erkenntnis, der Weg-Arbeit und das zweite (Und
    verabscheuungswürdig ist der Mensch, dieser, den der Löwe fressen wird. ) ist der Karma-Weg. Löwe steht dann für die niederen Aspekte, die animalische Ebene und Mensch für das HS, das sich über die AP ausdrückt."

    • #4
    Hendrik (Montag, 18 April 2016 19:21)
    Das alles ist ein sauberes Stück Deutungsarbeit. Man könnte den Löwen im herkulischen Sinne vielleicht etwas enger als "Zorn/Wut/Hass" verstehen, dann aber wieder stellvertretend für alle Defizite der AP...
    Wir sehen hier, dass die "Schriftgelehrten" (Wissenschaftler), die an dieser Stelle teilweise einen "Abschreibefehler und -dreher" vermuten - also annehmen, dass der letzte Satz eigentlich "und der Mensch wird Löwe werden" heißen müsste - oder den Satz als "dunkel" betrachten, einfach nicht den richtigen Deutungshintergrund haben.

    • #5
    Hendrik (Montag, 18 April 2016 19:24)
    Viel deutlicher dürfte der Satz auch mit korrigiertem Dreher für die Wissenschaftler
    eigentlich nicht werden, oder? Was bitte sollte der Satz dann schon bedeuten?

  • #7

    Maria (Sonntag, 16 April 2017 15:30)

    zu (10):
    1. Ich bin zuerst an dem Wort „geworfen“ hängengeblieben, auch wenn das mit dem ursprünglichen Satz vielleicht nicht so viel zu tun hat.
    Aus Liebe wurden wir in die Welt geworfen, um zu Erkennen. Dieses Geworfen-sein als Mensch repräsentiert unsere Unfähigkeit am Entwicklungsbeginn (und lange Zeit danach), Herr über uns und unsere Lebensumstände zu sein. Diesen sind wir aufgrund unserer Unwissenheit und Verwechslung mit der materiellen Ebene und den Auswirkungen daraus ausgeliefert, bis wir durch fortschreitende Wegarbeit immer mehr Einfluss nehmen können durch unserer Erkennen und Tun.

    2. Das Feuer könnte man als Funken der Erkenntnis sehen, der in dem Umfang anfänglich da ist, damit eine weitere Entwicklung, eine Entzündung zum Feuer, möglich ist. Der Same des Feuers, der nur auf quantitativer Ebene klein ist, und sich durch die fortschreitende Entwicklung vieler, unterstützt durch Lehrer, nach und nach ausbreitet, so dass es zu einem Feuer wird (ESG), das nicht mehr verlöschen kann.

    3. Die Aussage spiegelt die große Gnade wieder, die uns widerfährt: Dass wir uns überhaupt Bewusstwerden dürfen und können. Dass Jesus stellvertretend als Lehrer über uns und den Prozess wacht. Bis wir eine Flamme sind.

  • #8

    Ruth Gabriel (Sonntag, 16 April 2017 21:54)

    Zu Spruch 9:
    Ein Sämann = ein Lehrer
    Die Samen werfen = Belehrungen, Lehre
    Die Vögel = Diejenigen, die die Lehre in sich aufnehmen, aber daraus keinerlei weitere Konsequenzen ableiten und umsetzen (Wellnessesoterik).
    Die Felsen = Diejenigen,die die nur Lehre oberflächlich an sich heranlassen, woraus aber nichts wachsen kann.
    Die Dornen = Diejenigen, die der Lehre mit Ablehnung begegnen und sie durch ihren Egoismus ersticken und dem Anhaften an die Materie opfern (der Wurm fraß sie).
    Die gute Erde = Diejenigen, die erkennen/den Ruf hören und ihm folgen, die dem, was sie erkennen Konsequenzen folgen lassen als Grundlage für weiteres Erkennen und Umsetzen.
    Dazu passt für mich der Spruch (Ist der aus dem Buch der drei Ringe?):
    Fruchtbar machen der Sicht
    Sichtbar machen der Frucht