Thomas 2.1

So. Jetzt mal Butter bei die Fische! Wir gehen Thomas in einem zweiten Durchgang an und schauen, was bei den bisher uninterpretierten Texten noch an Deutungen möglich und nötig ist. Auch dabei viel Spaß.

 

(1) Dies sind die geheimen Worte, die Jesus, der Lebendige, sprach und die Didymus Judas Thomas niedergeschrieben hat.
Und er sprach: „Wer die Bedeutung dieser Worte findet, wird den Tod nicht schmecken.“

(2) Jesus sprach: „Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und wenn er findet, wird er erschrocken sein; und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein, und er wird über das All herrschen.“

(3) Jesus sprach: „Wenn die, die euch führen, euch sagen: Seht, das Königreich ist im Himmel, so werden die Vögel des Himmels euch vorangehen. Wenn sie euch sagen: es ist im Meer, so werden die Fische euch vorangehen. Aber das Königreich ist in euch, und es ist außerhalb von euch.
Wenn ihr euch erkennen werdet, dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, daß ihr die Söhne des lebendigen Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann seid ihr in der Armut, und ihr seid die Armut.“

(4) Jesus sprach: „Der betagte Mensch wird nicht zögern, ein kleines Kind von sieben Tagen zu fragen nach dem Ort des Lebens, und er wird leben. Denn viele Erste werden Letzte werden, und sie werden ein einziger werden.“

 

(6) Seine Jünger fragten ihn und sprachen zu ihm: „Willst du, daß wir fasten? Und wie sollen wir beten und Almosen geben? Und von welchen Speisen sollen wir uns fernhalten?“
Jesus sprach: „Lügt nicht, und, was ihr haßt, das tut nicht; denn alles ist offenbar im Angesicht des Himmels. Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und es gibt nichts Bedecktes, das bleibt, ohne enthüllt zu werden.“

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Kommentare: 7
  • #1

    Ruth Finder (Freitag, 14 April 2017 12:48)

    Zu 1) Alles beginnt mit einer Verheißung: Wer den Sinn des Menschendaseins erkennt und sich auf den Weg macht, der wird wieder zu seinem Ursprung (außerhalb der Welten der Trennung) gelangen. Dass diese Botschaft kein leeres Versprechen ist, zeigt die "Lebendigkeit" des Jesus Christus. Und auch, wenn er als ein einziger Mensch das erreicht hätte, würde das als Beweis dafür dienen, dass das möglich ist. Ein langer und beschwerlicher Weg allerdings! Allein, in einem kleineren Maße auch schon in einem (z.B. diesem) Leben erreichbar: Wenn wir erkennen, dass wir eine höhere, unsterbliche Wesensnatur haben, verlieren wir die Angst vor dem Tod/vor dem Ungewissen/vor dem Ende/vor dem Übergang ("werden den Tod nicht schmecken").
    Die Angst der Körper vor dem schmerzlichen, gewaltsamen Tod bleibt trotzdem, denke ich.

  • #2

    Ruth Finder (Freitag, 14 April 2017 14:05)

    Zu 2) Wie ein Philosoph sinngemäß gesagt hat: "Je mehr ich weiß, desto mehr stelle ich mit Entsetzen fest, dass ich nichts weiß!". Aber das ist gerade die freudige, neugierige Ansporn, weiterzumachen. Wir sollen anfangen "zu graben": Erst an der Oberfläche (Religion, Moral), dann tiefer und tiefer (Ethik, Spiritualität), bis wir mit Erschrecken feststellen, in was für eine Misere wir geraten sind - wie stark das Ego ist und wie hässlich seine Fratze. Aber gleichzeitig werden wir erahnen können und manchmal durch Gnade zuweilen auch einen Zugang dazu haben, was dahinter verborgen ist - nämlich unser höheres Selbst und die ganze Herrlichkeit der Schöpfung. Wir werden dann nicht aufhören wollen, weiter ein Schicht nach dem anderen freizulegen, bis wir am Ziel angekommen sind.

  • #3

    Ruth Gabriel (Freitag, 14 April 2017 14:06)

    Zu Spruch 4:
    Das könnte eine Beschreibung des Entwicklungsprozesses sein, der zum einen ja nicht linear verläuft und der sich zum anderen nicht auf das individuelle „Heil“ beschränkt, sondern in dem es um die ganze Welt geht.

  • #4

    Ruth Gabriel (Freitag, 14 April 2017 14:28)

    Zu Spruch 6:
    Die Fragen der Jünger beziehen sich auf das Materielle, auf die Form, mehr auf das WAS und weniger auf das WIE. Jesu Antwort zeigt auf, dass jede Handlung eine Vereinigung des Geistigen mit dem Materiellen darstellen soll, also das WAS u n d das WIE.

  • #5

    Ruth Finder (Freitag, 14 April 2017 20:35)

    Zu 3) Wir sollen unser Heil und Verderben nicht an den Autoritäten und äußeren Umständen festmachen, denn egal wie wir uns bemühen, die Dinge und Tatsachen festzuhalten und sie zu kontrollieren, sie verändern sich, entgleiten uns, sind stärker als wir ("Vögel und Fische gehen uns voran"). An uns selber können wir aber wirklich etwas verändern, Schritt für Schritt bewusst einen inneren Reichtum erwerben. Wir sind auch ein Teil vom viel Größeren ("Königreich außerhalb"). So "erwacht", werden wir auch unterstützt und wir werden diese Fülle an Hilfe annehmen können. ("Ein Wissen vom lebendigen Vater bekommen").

  • #6

    Ruth Finder (Samstag, 15 April 2017 11:15)

    Zu 4) Ich sehe das auch so wie Ruth. Und habe eine chassidische Geschichte dazu:

    Rabbi Schlomo von Karlin sprach: "Wenn du einen Menschen aus Schlamm und Dreck heben willst, wähne nicht, du könntest oben stehenbleiben und dich damit begnügen, ihm eine helfende Hand hinabzureichen. Ganz musst du hinab, in Schlamm und Dreck hinab. Da fasse ihn dann mit starken Händen und hole ihn und dich ans Licht.

  • #7

    Ruth Finder (Samstag, 15 April 2017 11:32)

    Zu 6) Hier könnte man die Botschaft erkennen, dass man mit Liebe im Herzen handeln möge. Auch dazu habe ich - aus meiner Sicht - eine passende chassidische Geschichte:

    Ein gelehrter und kargherziger Mann redete Rabbi Abraham von Stretyn an: "Es heißt, Ihr gäbet den Leuten Heilmittel und Eure Mittel sind wirksam. Gebt mir denn welche, um Furcht Gottes zu erlangen!"
    "Für Furcht Gottes", sagte Rabbi Abraham, "weiß ich bei mir kein Mittel. Aber wenn Ihr wollt, könnt Ihr welche für Liebe Gottes erhalten."